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  • Sophie

All you can dive


Wenn man nach den Begriffen "Tauchen" und "Thailand" sucht, dann landet man zuverlässig bei der Insel Koh Tao. Und falls man nun den vollmundigen Schilderungen Glauben schenken möchte, dann taucht man auf dieser gesegneten Insel täglich durch wahre Schwärme von Walhaien in einem tropischen Paradies. Also nichts wie hin.


Da bin ich! Und wo sind gleich wieder die Walhaie?

Unterwegs nach Koh Tao


Einen Tag nachdem Lutz aus Hanoi in Richtung alter Heimat abgereist ist, steige auch ich ins Flugzeug und es geht nach Südwesten. Auf der thailändischen Insel Koh Samui (winziger Flughafen aus Bambusrohren, verschlafende Straßen, noch verschlafenere Straßenkatzen) mache ich einen kurzen Zwischenstopp. Ich freue mich wahnsinnig darüber, endlich wieder Thai-Food an jeder Ecke zu bekommen und ziehe tags darauf weiter mit der Fähre nach Koh Tao. Die Fähre platzt aus allen Nähten. Das liegt an den Touristen, die nach einer der berühmten Full Moon Partys alle fluchtartig die Nachbarinsel Ko Phan Ngan, einen Zwischenstopp auf der Fährroute, wieder verlassen. Eine Nacht im Vollrausch am Strand scheint den meisten dort zu reichen.



Auf Koh Tao gehen daher hunderte schwer verkaterte Partygänger und ich von der Fähre und wir verteilen uns rasch über die winzige Insel. Koh Tao ist keine zehn Kilometer lang und höchstens zwei Kilometer breit, es gibt ein paar Straßen, es gibt einige über die Insel verteilte, idyllisch-versteckte Resorts und eine größere Ortschaft, die sich an der Ostküste entlang zieht. Hier ist alles fußläufig erreichbar und ich schultere also rasch meinen Rucksack und bin in 15 Minuten an meiner Tauchschule angekommen. Die hat sich nämlich praktischerweise auch um meine Unterkunft in der Nähe gekümmert, und so kann ich in den kommenden zwei Wochen täglich mühelos zwischen Tauschschule, Boot und Zimmer pendeln.


Die Tauchschule selbst wird von Finnen betrieben, die allesamt von Kopf bis Fuß tätowiert und über Wasser genauso gesprächig sind wie unter Wasser. Vielleicht ist es die finnische Art, eine schweigsame Form der Geselligkeit, mir ist das Ganze allerdings zu unterkühlt. War ich auf Zypern nach drei Tagen schon quasi Teil der Familie, so bleibe ich bei diesen flachsblonden tätowierten Hünen immer nur zahlende Kundin auf dem Tauchboot.


Was kann Koh Tao?


Für zwei Wochen beschränkt sich mein Bewegungsradius nun auf die kurzen Wege zwischen meinem Zimmer, dem Tauchboot und den diversen Restaurants und Cafés der Ortschaft. Sairee Beach nennt sie sich, da sie entlang eines langen Sandstrandes verläuft.


Man darf es sich, vom Meer kommend, so vorstellen: Das Wasser ist tatsächlich türkisgrün und beinahe badewannentauglich warm. Kleine Wellen branden an einen schmalen Sandstrand, an dem publikumstauglich Holzschaukeln, Lampions und geknüpfte Hängematten zwischen Palmen drapiert sind. So manch ein gehfauler Urlauber legt sich hier direkt an den Strand und sucht vergeblich Abkühlung im Meer der Bucht. Bei einem Sturm legte die Brandung allerdings Teile der Abwasserrohre frei, die von der Stadt direkt ins Meer führen. Seit diesem Anblick springe ich nur noch vom Tauchboot auf dem offenen Meer mit Freude ins Wasser.








Nach dem Sturm: unter den Sandsäcken verläuft die Abwasserleitung

Der tropische Traumstrand ist selten breiter als fünf Meter, denn dann kommen schon die Bars und Restaurants, die gerne so weit in Richtung Meer gebaut sind, wie gerade eben noch möglich. Die Grenze scheint die Zone zu sein, die bei maximaler Brandung überspült wird.


Auch die Bars und Restaurants sind auf maximale Instagrammability hin ausgestattet. So hip habe ich schon lange nicht mehr Kaffee getrunken und Vollkornbrot mit Avocadomatsch serviert bekommen. Hier reicht man dazu geröstete Kürbiskerne, schwarzen Sesam und fermentierte rote Zwiebel, während das restliche Publikum um mich herum im Schnitt mindestens zehn Jahre jünger ist und ein Faible für Moustaches, Rennradkappen, übergroße Batikshirts und Socken in Birkenstocks hat.





Verlassen wir die Zone der Bars und Restaurants direkt am Strand, kommen wir auf einen engen, aber eifrig von Rollern befahrenden Fußweg mit kleinen Geschäften an beiden Seiten. Hauptsächlich gibt es hier Ausstattung für Taucher, wobei Freediving, bzw. Apnoetauchen eindeutig ein riesiger Trend ist. Zumindest habe ich selten so viele Monoflossen an einem Fleck gesehen. Cannabisläden sind an zweiter Stelle der häufigsten Läden, wobei mir nicht klar ist, ob die Inselbesucher entweder tauchen oder kiffen, oder ob sich beides auch harmonisch kombinieren lässt.



Auffällig sind die maßlos verfetteten Hunde und gelegentlich auch Katzen, die sich auf den Fliesenfußböden der Geschäfte ausstrecken, um dort auf den nächsten Snack oder das endgültige Herzversagen zu warten. Die Thais haben offensichtlich ein richtig großes Herz für Tiere und jede Menge Speiseabfälle.






Unter Wasser


Cocktailbars und Palmenstrände in Ehren - mich persönlich interessiert das alles eher wenig. Ich bin hier für die Landschaft unter Wasser. Und abgesehen von den Walhaien, dich ich nicht sehen werde (und die tatsächlich auch kaum einer der Tauchlehrer an der Schule jemals gesehen hat, obwohl sie seit Jahren auf der Insel leben), enttäuscht das Tauchrevier nicht.


Es gibt unzählige abenteuerlich geformte Korallen, die wie gigantische Hirschgeweihe, Fächer, Orgelpfeifen oder Gehirnwindungen aussehen, dazu riesige, tonnenartige Schwämme und dazwischen wabernde Anemonen mit ihren Bewohnern, den aggressiven aber winzigen Clownfischen. Ich staune über quietschblaue Seesterne (die Dornenkronen-Seesterne), recht widerwärtige Seegurken, die sich plötzlich vom Felsgrund ablösen, um obszön aufragend tatsächlich ihren Samen ins Meer abzugeben und freue mich über die bunten Fächerwürmer, die ihre Tentakelkrone blitzschnell einziehen, wenn man über sie hinweg schwimmt.









Der Dornenkronen-Seestern

Links oben ein Finne, rechts unten eine obszöne Seegurke
Weihnachtsbaumwürmer

Ein Fass-Schwamm
Weihnachtsbaumwürmer, so genannt dank Form und festlicher Farbgebung

Und anstatt der Walhaie kann man es hier einfach genießen, durch ein tropisches Aquarium zu schwimmen, umgeben von bunten und vielgestaltigen Fischen, die hier solo, als Pärchen oder gleich im Schwarm unterwegs auf Nahrungssuche sind, während im Verborgenen schon die Räuber lauern.


Eine Muräne
Ein junger gelbbrauner Kofferfisch

Eine Meeresschnecke (Jorunna Funebris)

Eine weitere Meeresschnecke (Phyllidia varicosa)
Ein Papageienfisch in meiner Lieblingsfarbe
Wimpelfische - die sieht man immer nur zu zweit




Ein kleiner Rochen
...und ein Schiffswrack gibt es hier auch.

Auch die Bootsfahrt entlang der Küstenlinie hat etwas zu bieten. Schwankend an Bord des urigen Holzbootes mit dem kleinen Schrein an der Spitze, kann man sich an den ulkigen murmel- und klötzchenartigen oder anderen suggestiven Gesteinsformationen erfreuen.








Über Wasser


Wenn ich nicht gerade tauche, also fast nie, versuche ich mir, einen Überblick über die Insel zu verschaffen. Dazu steige ich durch den dichten Wald hinauf auf die wenigen hundert Meter hohen Hügel, die die Insel krönen und blicke hinab. Um mehrere Liter Schweiß ärmer und unzählige Mückenstiche reicher geht es dann wieder hinunter ans Ufer.






Zeit, zu gehen


Ich habe mich ausgetobt und ausgetaucht. Nach zwei Wochen auf Koh Tao hat Lutz mittlerweile auch das kalte Deutschland wieder verlassen und ist auf Fuerteventura angekommen. Und ich habe Sehnsucht nach ihm und einem Ort mit deutlich geringerer Luftfeuchtigkeit.


Meine letzten Tage in Thailand und in Asien sind damit eingeläutet. Umständlich und zeitaufwändig geht es mit Fähre und Reisebus bis nach Bangkok. Hier miete ich mich aus Spaß im Herzen des absoluten Backpacker Hotspots ein, in der Nähe der bekannten Kao San Road.


Zehn Stunden im Reisebus nach Bangkok. Nach all den Monaten in Asien habe ich genügend Sitzfleisch dafür.

Die Kao San Road in Bangkok


Die Magie und der Unterhaltungswert der Kao San Road und ihrer Umgebung wird in zahlreichen Reiseführern und Berichten unermüdlich rapportiert. Mag es nun an der immer noch leichten post-Corona Tristesse liegen, oder an der Tatsache, dass ich einfach keine Nachtschwärmerin bin, jedenfalls erschließt sich mir der Reiz dieser Touri-Meile nicht. Selbst zur Abenddämmerung grölen die männlichen Reisegruppen eher verhalten, nur ein einziger Stand will mir Skorpione am Spieß als örtliche Delikatesse andrehen und die Bars und Kneipen sind alle fast leer.


Für mich ist es aber perfekt: schön zentral, gerade schön ruhig und ich kann noch einige letzte Einkäufe tätigen, bevor es am Tag darauf endgültig zurück nach Europa geht. Also ein bißchen "Snake Brand Prickly Heat Powder" hier erworben, das letzte Thai Streetfood genossen, ein letzter schon sehr melancholischer Spaziergang am Chao Praya Fluss entlang, wo mich nicht einmal der überall treibende Unrat und die großen Eidechsen aus meiner träumerischen Stimmung reißen können.









Abflug


Es wird ein wilder Ritt. Mit dem Bus noch einmal quer durch Bangkok zum Flughafen. Dann schon wieder stundenlang sitzen im Flugzeug nach Zürich. Erstaunlicherweise führt die günstigste Flugroute dieser Tage durch die Schweiz.



Am Flughafen von Bangkok: der Wächter nimmt es ernst mit jeder Form von Sicherheit.
Hier putzt dieser wirklich putzige Roboter in offizieller Uniform.
Freundlich gegrüßt von Ronald McDonald. Vermutlich eine Sonderanfertigung für Thailand.

Und damit die Ersparnis nicht gleich schon wieder beim Stopover in Zürich verpulvert wird, gönne ich mir für meine Übernachtung nur eine Schlafkapsel am Flughafen. Die ist allerdings ganz wunderbar! In meiner Wohnhöhle mit Blick aufs Matterhorn dämmere ich einige Stunden entspannt vor mich hin, bis ich am nächsten Tag die letzte Etappe der langen Reise antrete. Ein letzter Flug von Zürich nach Fuerteventura und nach zwei Tagen Reise treffe ich Lutz wieder auf der ältesten und trockensten der kanarischen Vulkaninseln.


Das Kapselhotel. Von außen eher Knastcharme.

Von innen aber sehr gemütlich.
Angekommen!

Es ist geschafft! Der Reiseteil der Reise, das Umherziehen, das bewegte Aussteigen ist vorbei, nun wird sich der stationäre Teil anschließen.


Für den Anfang aber kämpfe ich erst einmal mit meinem Jetlag, genieße die Sonne bei trockener Luft, wo man sich im Unterschied zu Vietnam, Kambodscha oder Thailand gerne draußen aufhält. Endlich wieder draußen joggen! Endlich wieder wandern. Und endlich etwas zur Ruhe kommen an einem einzigen Ort.



Unser neues Heim: Der winzige Ort El Cotillo.
Lange perfekte Sandstrände gibt es hier.
Und epische Sonnenuntergänge über der Westküste der Insel.

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