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  • Sophie

Alles muss raus

Über die Tücken des Aussortierens


Marie Kondo hat uns gelehrt, dass man beim Ausmisten erst einmal alles auf einen Haufen werfen soll. Danach soll man dann jedes Teil einzeln in die Hand nehmen und erspüren, ob es einen noch glücklich macht. Doch was tut man, wenn man wie ich seinen gesamten Besitz auf den Prüfstand stellt? Zum einen würde der zu werfende Haufen ganze Zimmer füllen, zum anderen mangelt es mir wohl auch am erwünschten Einfühlungsvermögen in das Glückspotential meiner Besitztümer.


Also muss ich mit etwas brachialeren Methoden arbeiten. Besitz belastet! Alles muss raus! In der idealen Welt meines Kopfkinos läuft jetzt schmissige Gute-Laune-Musik während man mich in kurzen Szenen beim Kisten packen sieht, an meinem Flohmarktstand, dann dabei wie ich dankbaren Freunden allerliebste Preziosen überreiche und schließlich wie ich tatkräftig beim wackeligen Abtransport all meiner Möbelstücke durch kinderreiche Familien mithelfe. Und am Ende wandle ich dann mit entrücktem Lächeln und Rucksack auf dem Rücken durch meine leere Wohnung, knipse das Licht aus und ziehe zum letzten Mal die Türe hinter mir zu. The end. Das war doch einfach.


Mittendrin in den letzten Wochen vor Auszug und Abreise stelle ich fest: ganz so einfach ist es wirklich nicht. Und die Gute-Laune-Playlist von Spotify geht mir massiv auf die Nerven, während ich entscheiden muss: Was soll mitkommen auf die Weltreise, was soll eingelagert werden für die Zeit danach und was fällt in keine dieser beiden Kategorien, kurz - was muss weg?


Die erste Kategorie ist einfach


Auf die Reise mitnehmen kann ich nur sehr wenige Dinge. Nur das, was in meinen Trekkingrucksack passt, nicht zu viel wiegt, und was ich wirklich brauche auf der Reise. Letzteres ist natürlich vor der Reise mehr Ahnung als Wissen und ich bin sicher, dass ich auch unterwegs noch aus- und umsortieren werde. Aber in winzigem Umfang im Vergleich zur Herkulesaufgabe des Aussortierens einer ganzen Wohnung! Und wenn ich den Rucksack zum ersten Mal schultern möchte und schaffe es nicht, ihn überhaupt anzuheben, dann gibt es keine andere Wahl als noch einmal streng auszusortieren.


Und was wird eingelagert?


Möglichst wenig natürlich. Der Minimalismus auf Reisen macht es vor – man braucht doch nur ganz wenig für ein erfülltes Leben. Also: bei den Möbeln nur ein, zwei Familienerbstücke, von denen ich mich nicht trennen kann. Dokumente, die trotz aller Digitalisierung auf ewig in Papierform erhalten bleiben müssen. Meine Outdoor-Sachen, also das Zelt, die Isomatte, der Schlafsack, Campingkocher und so weiter. Diese Weltreise ist kein Camping-Trip. Aber wenn wir uns irgendwo erneut niederlassen, dann möchten wir sicher wieder zelten gehen. Meine business-tauglichen Klamotten. Die Küchenausstattung. Meine alten Fotos. Meine Lieblingsbücher. Meine Milchzähne in der kleinen Holzdose…Nein, halt!


Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen, der zum überquellenden Zwischenlager mit falscher Sentimentalität. Nur das Allernötigste zum Einlagern auszuwählen ist ein langer, zäher und erschreckend schmerzlicher Prozess. Bei Dingen, die ich seit Jahren weder benötigt oder auch nur angesehen habe, jagt mir der Gedanke ans Verkaufen oder Wegwerfen Schweißperlen auf die Stirn.


Gut, meine mausekleinen Milchzähne, die werde ich tatsächlich nicht entsorgen, aber die Bücher – die kann ich doch wieder kaufen. Werde ich ohnehin kein zweites Mal lesen. Schenke ich lieber Leuten, die sich darüber freuen, statt sie in Kisten jahrelang zu lagern. Und so ist es am Ende bei den meisten Dingen.


Besitze ich die Dinge, oder besitzen die Dinge mich?


Teils, teils, um mal ehrlich zu sein. Aber je näher die Abreise rückt, je leerer die Wohnung wird, desto wohler fühle ich mich bei dem Gedanken, meine große Chance zu nutzen und noch einmal auf Null zurückzugehen. Nur noch das zu besitzen, was man mit sich herumtragen kann, das wäre doch ein Traumzustand absoluter Freiheit.


Braucht man noch Möbel, wenn man doch möblierte Wohnungen mieten kann? In den meisten Ländern dieser Welt sind möblierte Wohnungen der Standard. Und anders als bei uns sind sie nicht die Lagerstätten für Ommas alte Schrankwand und was beim Flohmarkt keiner kaufen wollte.

Braucht man die vielen Unterlagen, Ordner und Bücher, wenn man alles digital verfügbar hat?

Braucht man überhaupt einen einzigen festen Wohnsitz oder wäre es nicht spannender, an mehreren Orten temporär zu wohnen, je nach Laune und Jahreszeit? Digital arbeiten kann man doch überall auf der Welt. Und in den meisten Ländern mit besserem Internet als in Deutschland.


Also zurück auf Anfang: möglichst wenig einlagern, möglichst viel verschenken, verkaufen, aussortieren. Und dann kommt mir noch ein wunderbarer Tipp zum Ausmisten in den Sinn, den ich mir neulich ergoogelt habe:


Die 3-Kisten-Methode


Drei Kisten werden bestückt. Eine mit Dingen, die bleiben sollen. Eine mit Dingen zum Verschenken und Verkaufen und eine dritte mit Abfall. Und dann der großartige Ratschlag: Alle Dinge in Kiste 1 sollen ein Jahr in Keller oder Dachboden eingelagert werden. Nach einem Jahr beginnt das Sortieren dann erneut nach den obigen Regeln. Und was man nicht vermisst hat, kann weg.


Wenn ich also nach der Reise in mein Lager zurückkehre und habe nichts vermisst – dann kann alles weg! Ich nehme diese Methode denn an als mein salomonisches Urteil und bin gespannt, ob es mir auf dem Weg rund um die Kugel an irgendetwas fehlen wird.


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