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  • Sophie

Alles so heilig hier

Hier also mein Versuch, etwas vom Wesen der Stadt Jerusalem zu erfassen. In knapp zwei Wochen kratzt man natürlich nur an der Oberfläche, aber wer möchte, kann im Folgenden etwas über unsere Eindrücke erfahren.


Flucht vor der Sonne am Felsendom

In finanziellen Nöten


Nach eher günstigen Zeiten in der Türkei und auf Zypern beeindrucken uns die israelischen Preise gerade am Anfang unseres Aufenthaltes sehr. Aber Hunger ist eben Hunger, also was gibt es hier zu essen? Restaurants sind nun tabu, und im Kapselhotel gibt es keine Küche für die Gäste, also probieren wir uns durch die Schnellimbisse der Stadt.


Zum Frühstück gibt es Sabich: Pitabrot, gefüllt mit hartgekochtem Ei, frittierten Auberginenscheiben, Salat und Tahini (Sesamsoße) – das ist lecker, sehr sättigend, und eines kostet „nur“ sieben Euro.



Mittags gibt es Hummus: also ein Schüsselchen pürierte Kichererbsencreme, getoppt mit Kichererbsen, die dem Pürierstab offensichtlich entkommen waren, oder mit Fava-Bohnen. Dazu werden ein paar sauer eingelegte Gemüse gereicht und üppig Pitabrot. Nach Pita mit Hummus fühlt man sich schon fast gestopft, eine Portion kostet wieder so etwa sieben Euro.



Abends gibt es dann eine halbe Pita mit Falafel: die Kichererbsen kommen diesmal in ihrer frittierten Form daher, dazu werden in die Pita Salat und sauer eingelegte Gemüse gestopft, getoppt wird wieder mit Tahini. Da kostet die halbe Pita sogar nur 3,50 Euro.



Was es für uns garantiert niemals zu essen gibt, das ist Fleisch, denn Fleisch in jeglicher Form ist einfach viel zu teuer. Nicht nur im Imbiss, auch im Supermarkt ist es ein wahres Luxusprodukt. Einmal im Supermarkt kommt Lutz mit großen Augen auf mich zu und berichtet mir, dass die eine Hühnerbrust, mit der er geliebäugelt hatte, tatsächlich 30 Euro kostet. Da ist man doch gerne vegetarisch unterwegs.



In Hungersnöte anderer Art bringt uns der erste Schabbat, den wir in Jerusalem erleben. Kurz vor Sonnenuntergang am Freitag schließen alle Läden, Cafés und Restaurants, der ÖPNV stellt seinen Dienst ein. Und so bleibt es dann auch größtenteils bis Sonntagmorgen. Der Schabbat dient der Ruhe und Besinnung, Einkaufen ist für Juden tabu (was nur eine Sache in einer sehr langen Liste von verbotenen Beschäftigungen ist – im Prinzip ist gar nichts erlaubt, was irgendeine bleibende Konsequenz haben könnte, man darf also natürlich nicht arbeiten, Auto fahren, sein Handy bedienen, ja, nicht mal Licht an- oder ausschalten) – das öffentliche Leben kommt gänzlich zum Erliegen.


Und wir Armen wohnen noch in dem Kapsel-Hostel ohne Küche. Unsere einzigen Vorräte sind zwei Instant-Suppen (wenn es jemanden interessiert: die kosten hier 8 Schekel – 2,30 € - aber für uns sind sie jetzt quasi Gold wert). Heißes Wasser gibt es immerhin. Wir füllen die Plastikbehälter auf und setzen uns mit unserem Instant-Dinner auf die Straße hinaus, die nun fast leergeräumt ist, mal abgesehen von den orthodoxen Juden, die eifrig zum Gebet an der Klagemauer streben.



Zu unserem zweiten Schabbat haben wir dann dazugelernt: wir logieren mittlerweile in einem Hostel mit Küche und waren schon am Donnerstag großzügig einkaufen. Der Schabbat kann kommen – wir sind versorgt. Und wie die ganze Stadt nutzen wir den Samstag als Ruhetag, unternehmen keine Ausflüge, bleiben zu Hause und gönnen uns Zeit für ruhige Beschäftigungen.


Eine Runde durch die Stadt


Wenn nicht gerade Schabbat ist, dann ist die Gegend um unser Hostel, die moderne Innenstadt von Jerusalem rund um die Jaffa Street, sehr geschäftig. Für Autos ist die Jaffa Street gesperrt, aber die Straßenbahn fährt hier in rasantem Tempo hindurch – und auch so mancher Einwohner der Stadt flitzt auf einem E-Bike oder E-Roller an der Schiene entlang, so dass die Schläfenlocken lustig im Fahrtwind flattern.


Ne Kippa kaufen. Geht auch mit Trumps Konterfei oder Starbucks-Logo.

Wir könnten shoppen gehen oder in allerhand Cafés das Treiben beobachten, wir laufen aber ein Stück weiter und kommen zum zentralen Markt der Stadt, dem Mahane Yehuda Markt. Hier drängt man sich zu hunderten durch die engen Gassen entlang an Obst, Gemüse, allerhand Eingelegtem und fantastisch duftendem Gebäck – und wir können uns mal wieder nichts leisten. Ein zwei Zentimeter breites Stückchen von einem Hefezopf für acht Euro? Danke, dann doch lieber nicht. Wir kaufen also nur etwas Obst und lassen uns wieder aus den Markthallen hinausspülen.



In der Gegenrichtung bringt einen die Jaffa Street zu den Toren der Altstadt von Jerusalem. Die Tore sind die einzigen Eingänge zu diesem großen Areal, denn die Stadtmauer aus der osmanischen Zeit steht noch vollständig und so passieren wir bei jedem Besuch der Altstadt eines der acht beeindruckenden Tore.



Die Altstadt besteht aus vier Stadtvierteln, einem christlichen, einem muslimischen, einem jüdischen und einem armenischen. Also fünftes Teilstück kommt dann noch der Tempelberg dazu, der sitzt als rechteckige Erhebung am östlichen Rand der Altstadt und ist schwer bewacht vom israelischen Militär.


Berthold Werner, Public domain, via Wikimedia Commons

Betritt man die Altstadt durch das Jaffator, dann stürzt man sich direkt in das Gewusel des zentralen Basars, der sich an den Hauptachsen zwischen den Vierteln durch die Altstadt zieht. Dort, wo die Touristen und Pilger zu ihren Zielen streben, haben sich die Händler entsprechend aufgestellt. In jedem Laden gibt es religiöse Artikel jeglicher Couleur, da hängt der Gebetsteppich neben den Holzkreuzen und Rosenkränzen, daneben stehen die siebenarmigen Leuchter und es häufen sich die Kippas.



In den Seitengassen des Marktes gibt es aber auch Alltagstaugliches, hier kauft man Gewürze, Drogeriewaren, Haushaltsartikel in den engen Ladenlokalen mit den bemalten Holztüren. Im jüdischen Viertel sind noch Teile des Cardo, der ehemaligen römischen Hauptstraße erhalten, sie liegen allerdings einige Meter unter dem heutigen Straßenniveau und man kann sie als unterirdische Abkürzung nutzen, wenn die Gassen oben allzu verstopft sind.



Den ganzen Tag hasten die Orthodoxen eilig an den Ständen vorbei, auf dem Weg zur Klagemauer. Biegt man nach links ab, dann kommt man zur Grabeskirche. Windet man sich tiefer hinein in das muslimische Viertel, dann wird es auch einmal ruhiger in der Altstadt, wenn man die Marktstände hinter sich lässt. Dann schlängelt man sich durch ein Gewirr enger steinerner Gassen mit spitzgiebeligen Torbögen und hohen Mauern an beiden Seiten, die keinen Einblick in das Leben der Bewohner dieser Häuser zulassen.



Anstrengend ist das Gewusel auf jeden Fall, und heiß ist es in den engen Gassen. Die Fußgänger drücken sich auf die Schattenseiten, eng an die Hauswände. Wer in der Sonne laufen muss, der leidet still vor sich hin. Wir brauchen eine Pause, verlassen die Altstadt und laufen wieder durch die neueren Teile Westjerusalems, denn hier gibt es einige angenehme Parkanlagen. Durch ständige Bewässerung wächst ein gepflegter, weicher Rasen, im Schatten großer Bäume lässt man sich hier gerne nieder oder legt sich auch mal ab für einen Mittagsschlaf.


Es gibt Parks mit Blick auf die Altstadt, Parks entlang der Mauern und einen gigantischen Grünstreifen unterhalb der Knesset, der sich durch große Teile Westjerusalems schlängelt. Hier ist die Stimmung fast wie in den Freiburger Parks, es wird jongliert, auf der Slackline balanciert, Akroyoga geübt. Alle sind draußen und picknicken unter den Bäumen und in der Mitte des Parks gibt es einen gigantischen Kinderspielplatz mit Kletterseilen und Rutschen und Schaukeln, der sehr gut besucht ist.



Überhaupt ist Jerusalem eine Stadt voller Kinder. Mir kommt es so vor, als gäbe es hier keine Paare ohne Kinder und jedes noch so junge Paar hat mindestens zwei oder drei kleine Kinder bei sich. Mit steigendem Alter der Eltern vergrößert sich dann auch die Kinderschar, Familien mit fünf oder sechs Kindern im Schlepptau sind eher die Norm als die Ausnahme. Die Statistik bestätigt es: Israel ist die fruchtbarste Industrienation der Welt, hier bekommt eine Frau im Schnitt 2,6 Kinder und das Durchschnittsalter liegt bei 29,7 Jahren (im Vergleich dazu Deutschland: 1,5 Kinder und Durchschnittsalter bei 44,6 Jahren, Tendenz steigend).


Wie die Eltern ihre Kinderschar hier durchfüttern ist mir bei den Preisen in den Märkten allerdings ein Rätsel und die Internetrecherche ergibt dazu noch, dass hier durchaus keine höheren Gehälter als in Deutschland gezahlt werden. Aber der Park ist glücklicherweise kostenlos und alle nutzen ihn mit größtem Vergnügen.


Alles so heilig hier



Wir waren in Rom, haben mit hunderten pilgernden Gläubigen im riesigen Petersdom eine Genickstarre riskiert und sind sogar hinabgestiegen zum Grab des Apostels Petrus, aber all das ist wahrhaft nichts im Vergleich zu der geballten Heiligkeit, die uns in Jerusalem an jeder Straßenecke anspringt.


Kreuzweg und Grabeskirche


Für die Christen ist schon fast jeder Zentimeter Boden in der Altstadt potentiell geheiligt, denn man folgt hier Jesus von Nazareth förmlich auf Schritt und Tritt. Quer durch das muslimische und Teile des christlichen Viertels windet sich die Via Dolorosa, also der Kreuzweg mit seinen 14 Stationen, es fühlt sich wie eine religiöse Schnitzeljagd durch die verwinkelten Gassen an und ohne Karte ist es schwer den Weg zu finden, denn man muss unter anderem wissen, dass der Kreuzweg einmal in eine Gasse hineingeht, dann kommt die Station, und dann muss man umkehren und wieder auf die Gasse zurück, aus der man ursprünglich gekommen war.



Ist Jesus denn so planlos mit dem schweren Kreuz durch die Altstadt geirrt? Wohl eher nicht, aber der Raum in den engen Gassen ist begrenzt, die Stationen liegen teilweise extrem nahe beieinander, man musste also wohl auch einmal etwas ausweichen, damit auch größere Prozessionsgruppen den Weg bepilgern können, ohne einen Verkehrskollaps in der Altstadt auszulösen.


Denn schließlich leben hier etwa 35.000 Menschen und viele der Gassen sind überdachte Straßenmärkte, auf denen die Einwohner sich versorgen. Also flitzen ständig Jugendliche durch die Straßen, die Handkarren voller Waren hinter sich her ziehen, Motorräder und umgebaute Golfkarts sind als Transportmittel ebenfalls sehr beliebt und drücken sich ständig zwischen den Touristen und Pilgern hindurch.


Die Grabeskirche


Der Kreuzweg endet heute in der Grabeskirche, die angeblich direkt über der Stätte der Kreuzigung und Grablegung Christi erbaut wurde. Damit vereint sie dann ganze fünf Stationen des Kreuzweges in sich (Entkleidung, Kreuzigung, Tod, Kreuzabnahme und Grablegung) und ist ihrerseits in die Hoheitsgebiete von sechs christlichen Konfessionen aufgeteilt, deren unterschiedliche Baustile und Anhänger sich hier halbwegs friedlich begegnen.


Vorplatz und Eingang der Grabeskirche

Der Frieden scheint allerdings recht fragil zu sein, eine an der falschen Stelle entzündete Kerze könnte schon als Übernahmeversuch einer Konfession am Gebiet einer anderen gewertet werden, die Gebetsordnung muss penibel eingehalten werden. Weil sich die Konfessionen offensichtlich untereinander nicht grün sind, werden die Schlüssel zur Kirche übrigens von zwei muslimischen Familien verwahrt, deren Familienmitglieder schließen auch jeden Tag morgens auf und abends wieder ab und treten bei Streitigkeiten zwischen den Konfessionen als Schlichter auf.


Besinnlichkeit und heilige Ruhe sucht man in dieser heiligsten aller Kirchen auf jeden Fall umsonst. Vor dem Eingang versuchen sich die Touristenführer gegenseitig zu übertönen, im Wettstreit mit kreischenden Schulkindern, hupenden Motorrädern und dem Baustellenlärm, der sich im Inneren der Kirche noch steigert – es wird nämlich offensichtlich renoviert und dazu benötigt man Kreissägen und Schlagbohrer, es ist ohrenbetäubend laut. Das bisschen beten und singen fällt bei all dem Lärm kaum ins Gewicht.


Massen drängen durch das Tor der Kirche, wo sie geradewegs auf den Stein zugeschoben werden, auf dem Jesus nach der Kreuzabnahme gesalbt worden sein soll. Dort knien schon dutzende und küssen die Marmorplatte, während sich andere rechts hoch in die Golgotakapelle drücken, wo man den nackten Felssporn berühren kann, auf dem das Kreuz gestanden haben soll. Die Orthodoxen begeben sich hier noch auf Knien unter den Altar und küssen eine Ikone darunter. In unseren heutigen Coronazeiten macht das dem für die Kapelle zuständigen Geistlichen eine Menge Arbeit: nach jedem Kuss robbt er auf Knien heran um die Ikone mit Fensterreiniger zu desinfizieren.


Man kann nun hinunter steigen, um den Ort zu bewundern, an dem die heilige Helena seinerzeit im Jahre 325 das Kreuz Christi gefunden haben will, das gute Stück war also nach fast 300 Jahren noch erhalten und lag ein paar Meter unter dem Golgota-Hügel begraben. Dieser Zustand hatte dann rasch ein Ende, Helena soll das Kreuz direkt in drei Teile geteilt haben (für Jerusalem, Rom und Konstantinopel), die Teile sind heute entweder verschollen oder ihrerseits in unzählige Splitter und Späne aufgeteilt, Reliquien in diversen Kirchen, aus denen man sich locker eine Handvoll Kreuze basteln könnte.


Wir wollen natürlich noch zum Heiligen Grab und reihen uns in die lange Schlange ein, die sich um die Grab-Ädikula (das kleine Häuschen über dem Grab) gebildet hat. Einzeln kann man sich dort dann durch den engen Gang ins Innere drücken, in dem klaustrophobisch kleinen Raum gibt es eine Marmorplatte, die über dem Stein liegt, auf dem Jesus abgelegt worden sein soll. Schnell muss man wieder hinaus, denn die Massen drücken hinter einem bereits nach. Der Eindruck: eng, dunkel, Gold und Weihrauch, der Stil: osmanisches Barock. Kein Scherz, 1809 wurde die Ädikula nach einem Brand und dem damit einhergehenden Einsturz des Vorgängerbaus in diesem Stil, auch „türkischer Rokoko“ genannt, errichtet.


Der Gesamteindruck der Kirche mit ihren labyrinthischen vier oder fünf Stockwerken mit den bunt zusammengewürfelten Baustilen – hier golden überladen, dort bunt bemalt, hier verrußt und voller Risse in der Wand, dort schon eingerüstet und eifrig beschlagbohrt und behämmert - ist der eines rumpeligen Devotionalienladens, vollgestellt mit goldenen Kerzenständern, von den Decken baumelnden Lüstern und Weihrauchgefäßen, wild zusammengestellten Gemälden und Mosaiken und dazwischen Touristen und Pilgern, die einen tiefbewegt auf Knien, die anderen knipsend und lärmend, mühsam in Schach gehalten von Patern, Popen, Abbas - ein Chaos sondergleichen.




Wohin zieht es den Christenmenschen noch so?


Wenn man noch nicht genug vom heiligen Chaos hat, dann kann man zum Garten Gethsemane wandeln.Wir kommen zu spät an, nach 16 Uhr heißt es „Sorry, the garden of Gethsemane is closed - you can go worship somewhere else.“ Wir erhaschen also nur einen kurzen Blick auf die letzten noch stehenden alten Olivenbäume am Ölberg. Der Rest des Ölbergs ist ein gewaltiger jüdischer Friedhof, weiße Gräber so weit das Auge reicht.



Man könnte jetzt noch worshippen im Saal des letzten Abendmahls – was den Vorteil hat, dass man im Erdgeschoss des gleichen Hauses auch direkt noch das Grab des biblischen König David bewundern darf, das ganze allerdings nicht am Ölberg sondern auf dem Berg Zion. So ist das in Jerusalem: im Erdgeschoss die jüdisch/muslimische Pilgerstätte, darüber dann die Christen, beides in einem Haus am Rande der Altstadt.


Rechts geht es zu Davids Grab, links zum letzten Abendmahl

Am Tempelberg


Die richtig spannende jüdisch/muslimische Pilgerstätte liegt nicht weit von hier und sie ist weithin gut zu sehen. Es ist der Tempelberg, und darauf die goldene Kuppel des Felsendoms, die die Sonne reflektiert, die hier einfach immer scheint, und so leuchtet sie stets zwischen den sandfarbenen Gebäuden der Altstadt hervor.



Der Tempelberg, das sind die vermutlich umstrittensten 14 Hektar der Welt. Hier soll der erste Tempel von König Salomo gebaut worden sein und 568 v. Chr. von den Babyloniern zerstört. Dann soll der zweite Tempel bis 516 v. Chr. an der gleichen Stelle neugebaut worden sein – den machten dann ja bekanntlich die Römer 70 n. Chr. dem Erdboden gleich.


Tempelmodell aus dem Israel-Museum. So soll der zweite Tempel auf dem Tempelberg ausgesehen haben (Blick vom Ölberg aus).

Danach wird es etwas schwierig: gab es einen römischen Jupitertempel an gleicher Stelle? Oder vielleicht eine byzantinische Kirche? Was sicher ist: seit 692 steht hier der Felsendom, der älteste islamische Sakralbau der Welt. Von hier aus soll Mohammed zur Himmelsfahrt angetreten sein, bei der er allerhand Propheten (unter anderem auch Jesus) getroffen haben soll und von Gott erfuhr, dass fünf Gebete am Tag nun angebracht seien.



Die Klagemauer


Da von keinem der jüdischen Tempel noch etwas übrig ist, beten die Juden bis heute an der westlichen Grenzmauer des Tempelberges und damit unter- und außerhalb des Areals des Tempelberges.


An dieser Mauer, der Klagemauer, herrscht ein reges Treiben und die Sonne brennt unbarmherzig herunter auf den reflektierenden hellen Stein. Kurze Kleidung ist hier allerdings verpönt, lange Hosen und lange Ärmel erwünscht. Die Orthodoxen laufen ja ohnehin mit schwarzen Anzügen und riesigen Hüten herum, die Frauen tragen lange Röcke, langärmelige Oberteile oder Kleider und ebenfalls immer eine Kopfbedeckung: Kappen, Mützen, Kopftücher oder eben auch oftmals Perücken – ästhetisch nicht unbedingt besonders ansprechende Modelle.


Aber um Ästhetik geht es hier auch wirklich nicht, es geht um Sittsamkeit. Ich schwitze sittsam unter meinem langärmeligen, schwarzen Oberteil vor mich hin und wundere mich vor allem über die Duldsamkeit der Menschen hier, die jeden Tag und überall in der Stadt dermaßen verhüllt unterwegs sind.


Was die sengende Sonne an der Klagemauer angeht, so haben die Männer nicht nur den Hauptteil der Mauer für sich, sie haben auch einen überdachten und klimatisierten Innenraum mit Mauerzugang, wie Lutz bei seinem Besuch feststellt. Ich stehe als Zaungast draußen und sehe ihm nach, denn Männer und Frauen sind an der Klagemauer streng getrennt.


Die Frauen dürfen in einem kleineren abgetrennten Areal rechts von den Männern an die Mauer zum Beten. Der einzige Schatten hier kommt von dem hölzernen Steg, der für Nicht-Muslime den alleinigen Zugang zum Tempelberg darstellt.


Auf dem Tempelberg


Nach einer eingehenden Kontrolle durch das israelische Militär darf man den Tempelberg von hier aus betreten, allerdings nicht die al-Aqsa Moschee. Auf züchtige Bekleidung wird auch hier großen Wert gelegt. Da unsere Hosen Teile des Beins gar unziemlich entblößen, bekommen wir beide ein schickes Röckchen verpasst.



Als Jude darf man hier oben übrigens nicht beten, aber als wir den Tempelberg besuchen ist eine jüdische Besuchergruppe inklusive militärischem Geleitschutz zugegen. Als es Zeit wird, zu gehen, beginnt die Gruppe fröhlich zu singen und zu tanzen – direkt vor dem offenem Tor zum Tempelberg. So sehen sie wohl aus, die kleinen Provokationen und Sticheleien, die immer wieder auch zu offenen Aggressionen zwischen den Juden und den Muslimen führen.


Ein bisschen Kultur


Selbst in Jerusalem ist Religion nicht alles, es gibt auch unzählige Kulturschätze in mehreren großen Museen. In Ostjerusalem kann man beispielsweise das Rockefeller Museum besuchen und Funde aus allen historischen Epochen Israels und Palästinas im gleichen Ambiente wie zu seiner Eröffnung im Jahr 1938 bewundern und im hübschen Innenhof an einem plätschernden Brunnen entspannen.



Das wäre ja schon alles sehr schön, aber richtig fantastisch wird es im unglaublichen Israel Museum.


Das Israel Museum


Bei diesem wahrhaftigen Tempel der Kultur weiß man garnicht, wo man anfangen soll zu erzählen. Es gibt so unglaublich viele und so extrem unterschiedliche Ausstellungen auf dem riesigen Areal, dass ein Besuch nicht ausreicht, um alles zu sehen. Wir haben zwei ganze Tage nur in diesem Museum verbracht und konnten damit durch alles einmal hindurchlaufen. Wollte man sich mit allen Ausstellungsstücken wirklich in die Tiefe zu beschäftigen, dann müsste man sich wohl mindestens eine Woche dort aufhalten.


Kernstück der Anlage sind wohl das große Stadtmodell Jerusalems, dass die Stadt zur Zeit kurz vor der Zerstörung durch die Römer darstellt und der „Shrine of the Book“, ein urnenförmiges Gebäude, das die uralten Schriftrollen von Qumran beherbergt, die in den 1950er Jahren in der Nähe des Toten Meeres gefunden wurden.



Archäologische Funde sind aber nur ein kleiner Teil der Ausstellung, hier geht es auch noch quer durch die Kunstgeschichte sämtlicher Kontinente, man kann Werke aus Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und Ozeanien betrachten.



Dazu gibt es dann noch unzählige Gemälde aus verschiedenen Epochen der Kunstgeschichte, teilweise auch noch im originalen Ambiente präsentiert, so dass man inmitten des nüchternen Betonbaus plötzlich in einem barocken Spiegelsaal stehen kann. Oder im holzvertäfelten Wohnzimmer eines Sammlers, in der Schreibstube eines chinesischen Beamten oder in einer komplett im Museum wiederaufgebauten Synagoge aus dem mittelalterlichen Deutschland.



Dazu ist das Gelände noch als Landschaftspark mit diversen modernen Kunstwerken gestaltet, man wird hier einfach nicht fertig mit dem Staunen und Lernen.


Yad Vashem


Um die Besichtigung von Yad Vashem haben wir uns bis zu unserem letzten Tag in Israel herumgedrückt. Nun liegen unsere Rucksäcke im Gepäckraum des Hostels, das Zimmer ist geräumt und wir haben noch Zeit bis Abends um neun, um zum Flughafen aufzubrechen. Also packen wir es an und fahren an den Rand der Stadt zu dem Areal, auf dem die Gedenkstätte für den Holocaust steht.



Fotografieren soll man im Inneren der Anlage nicht, aber das sind auch Bilder, die man wirklich nicht haben möchte. Im keilförmigen Museum zur Geschichte des Holocaust geht man durch die Stationen der Verfolgung und Vernichtung der Juden vom europäischen Mittelalter bis zu den Pogromen, Ghettos und Lagern des Holocaust, vorbei an Unmengen von historischen Fotos, Gegenständen und Dokumenten und an Stunden von Filmaufnahmen aus der Zeit und Interviews mit Überlebenden. Von Raum zu Raum wird es bedrückender, die Ereignisse und Taten werden immer schrecklicher, die unglaubliche Monstrosität des Massenmordes überwältigt einen und als man am Ende wieder hinaus in die Sonne tritt, braucht man lange um halbwegs wieder zu sich zu kommen.


Abschied von Israel


Mit diesen letzten Eindrücken verlassen wir Jerusalem spät am Abend und schaffen es mit Müh und Not noch rechtzeitig durch das absolute Chaos am Flughafen Ben Gurion. Wir waren drei Stunden vor Abflug am Flughafen und es wird trotzdem knapp, denn die Schlange am Check in ist schon ewig, dann müssen wir erneut in eine Schlange, um unsere Rucksäcke beim Sperrgepäck noch einmal durchleuchten zu lassen und auf einen Gepäckwagen zu legen, und dann kommt noch die Schlange beim Security-Check, die wir nur Minuten vor unserer Boarding-Zeit erreichen. Es ist ein riesiger Stress und trifft uns wirklich unerwartet. Eine Empfehlung: beim Abflug aus Israel am besten vier Stunden vor dem Flug am Flughafen sein.


Aber wie so oft: Wir rennen durch das Terminal zu unserem Gate und dann verspätet sich das Boarding um mindestens eine halbe Stunde. Es ist Mitternacht und ich bin völlig fertig. Erst Yad Vashem, dann der Stress und Zeitdruck am Flughafen, ich freue mich auf ein paar ruhige Stunden im Flugzeug. Wir müssen ein wenig Kraft sammeln, denn gegen vier Uhr morgens werden wir in Dubai ankommen, wo wir einen Tag lang zwischenstoppen.



Also runter mit dem Visier für etwas dringend benötigte Entspannung.


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