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  • Sophie

Bei den Sfakioten

Chora Sfakion


Chora Sfakion ist der Hauptort der Region Sfakia, hier gibt es sfakiotische Genüsse en masse: sfakiotisches Gebäck aus Johannisbrotkernmehl, sfakiotischen Käse und Joghurt, regionalen Honig und Raki aus der Plastikflasche. Despina bäckt jeden Tag honigtriefende, cremig-fettige Schnittchen, zu Beginn der Saison gibt es nur zwei aktive Tavernen, doch dafür hat die Ortsbäckerei 24 Stunden geöffnet und die Backwaren kühlen ganztägig in großen offenen Regalen, so dass über dem ganzen Ort eine süße Wolke steht.


Chora Sfakion in der Abenddämmerung

Unsere Gastgeber hatten offensichtlich vergessen, ihren Booking-Account über den Winter zu pausieren und so treffen wir die beiden beim hektischen Vorbereiten unserer Zimmer an, nachdem sie von unserer kurzfristigen Buchung eiskalt erwischt worden waren.


Der ganze Ort erwacht langsam aus seinem Winterschlaf und alle freuen sich, dass die Saison losgeht. Die Stühle werden frisch in griechisch-türkisblau gestrichen, fröhlich singende Asiatinnen bereiten gegenüber die Hotelzimmer für die ersten Gäste vor. Unser rotierender Wirt erklärt, dass die Ukrainerinnen, die sonst immer bei ihm arbeiten, nun ja ausfallen, man habe Personalmangel, man müsse sich wohl nach Albanern umsehen. In der Taverne sprintet der einzige Kellner von Tisch zu Tisch, ihm steht der Schweiß auf der Stirn, es ist kein Personal da und es gibt nur zwei Fische, aber die Gäste sind da und wollen bewirtet werden, man tut also was man kann. Und man kann tatsächlich so einiges. Und man ist unglaublich freundlich und herzlich dabei.



Hier gibt es am Ende der Mahlzeit übrigens nun immer Raki aufs Haus – auf dem Festland gab es Ouzo oder Tsipouro (aus Oliventrester), der mit Wasser verdünnt wurde. Raki trinkt man pur und es zieht einem die Schuhe aus, denn es handelt sich natürlich immer um den guten selbstgebrannten, hochprozentig und scharf. Zum Ausgleich wird Halvas gereicht, also süßer Grieskuchen, der mal fester, mal bröckeliger daherkommt, aber mein Freund ist er nicht. Zu fad.


Chora Sfakion besteht nur aus einer handvoll weißer Häuschen, die in einer kleinen Bucht verteilt sind, aber es reicht. Man kann hier wohnen, man findet etwas zu essen und es gibt einen kleinen Hafen, von dem eine Fähre und ein kleineres Fährbötchen die nächstgelegenen Küstenorte anfahren.


Durch die Aradena Schlucht


Das Bötchen nutzen wir an den zwei folgenden Tagen, um uns jeweils in den nächsten Küstenort, Loutro, bringen zu lassen, der tatsächlich nur per Boot erreichbar ist. Von dort aus wandern wir am ersten Tag entlang des europäischen Wanderwegs E4 an der Küste entlang zum sogenannten Marmorstrand.



Von dort geht es die Aradenaschlucht hinauf, diese endet am gleichnamigen Ort, der heute eine Geisterstadt ist. Die Bewohner hatten sich in einer Blutrachefehde bis in die 1960er Jahre bekriegt. Der Konflikt begann mit zwei kleinen Jungs, die sich um das Glöckchen einer verstorbenen Ziegen stritten. Dann mischten sich die Väter und weitere Verwandte ein, et voilá: bald schon waren sieben Tote aus den beiden Familien zu beklagen. Vor der vollständigen Auslöschung flohen die Überlebenden aus der Region, nun gibt es in den Ruinen von Aradena nur noch Schafe und Ziegen (übrigens noch immer mit Glöckchen).



Die Ziegen laufen überall frei herum, zusammen mit Vogelgezwitscher ist ihr Gemecker der Soundtrack unserer Wanderung, vielfach verstärkt von den aufragenden Steilwänden der Schlucht. Die Ziegen klettern in den steilen Wänden herum, treten Steinchen lose und nicht nur das. Passend zur Geisterstadt am Ausgang ist die Schlucht vor allem eines: ein goat valley of the dead. Ziegengerippe säumen unseren Weg, der sich langsam die Schlucht hinaufarbeitet, bis hin zu der Brücke, die von unten so spektakulär erscheint, und von der man von oben in der Saison am Bungee-Seil hinunterspringen kann. Tal der Todessehnsucht. Eine beeindruckende Geierpopulation wächst und gedeiht hier.


Weiter auf dem E4


Anderntags wandern wir entlang des E4 von Loutro zurück nach Chora Sfakion. Wir stellen fest: Ziegen mögen kein Wasser. Lieber klettern sie an steilsten Steilküste entlang als nasse Hufe zu riskieren. Und: Ziegen sind in ihrem Wesen zutiefst antiautoritär. Sie klettern auf Kirchbänken, Booten und Fahrzeugen herum; wer hier einen Leihwagen am falschen Ort abstellt hat bestenfalls das Zusatzpaket Ziegenschaden gebucht.



Außerdem muss betont werden, dass ich am Süßwasserstrand (Glyka Nera) zum ersten Mal in diesem Jahr im Meer geschwommen bin. Es fühlte sich an wie eine Ganzkörper-Kneipp-Anwendung. Ungemein erfrischt flogen wir vier den nachfolgenden spektakulär schönen Küstenwanderweg förmlich entlang.



Goodbye Sfakia


Man ahnt es vielleicht: mein Herz flog ihnen zu, den freundlichen Sfakioten in ihren winzigen Dörfern und der schönen, menschenleeren Landschaft. Wie langsam Lutz und ich reisen ist hinlänglich bekannt, nachdem wir in vier Monaten Reisezeit gerade einmal zwei Länder besucht haben. Aber unsere Freunde haben einen normalen Urlaub genommen, zwei Wochen, in denen sie etwas von Kreta sehen wollen. Daher stehen wir nach drei Tagen in Chora Sfakion um 6 Uhr auf um den einzigen Bus Richtung Heraklion zu nehmen, der eben leider schon um 7 Uhr morgens abfährt.


Nach drei Stunden Busfahrt erreichen wir die Hauptstadt Kretas. Größer könnte der Kontrast zum schläfrigen Sfakia kaum sein: Heraklion ist groß, laut, wuselig und weitestgehend frei von Charme. Lisa und Bernhard entwickeln spontan eine innige Abneigung für den Ort. Lutz und ich sehen es eher pragmatisch: Es ist eine Stadt, man kann hier Wäsche waschen, Besorgungen erledigen, mal wieder selber kochen und bei wenig Sehenswertem kann man auch mal entspannt die Füße hochlegen und faul sein. Ist ja schließlich Urlaub.


Selbst wenn Heraklion stinkt - wir tun es bald nicht mehr. Mit prall gefüllten Wäschesäcken geht es zur Reinigung.

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