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  • Sophie

Entspannung in Hoi An



Die ehemalige Hafenstadt Hoi An verdankt den Umstand ihrer guten Erhaltung der Tatsache, dass die Stadt ab dem 18. Jahrhundert quasi bedeutungslos war. Die Geschichte kommt mir bekannt vor, denn in meiner alten Heimat Regensburg hatte ein ähnlicher Umstand die alte Bausubstanz vor Zerstörung bewahrt. Auch Regensburg war im Mittelalter äußerst bedeutsam gewesen, in der Neuzeit zogen dann aber Städte wie München und Nürnberg an Regensburg vorbei und man war am Ende so abgebrannt, dass man sich keine Neubauten mehr leisten konnte und weiter in den maroden mittelalterlichen Gebäuden hausen musste. Ein paar Jahrhunderte später, mit renovierten, farbenfroh gestrichenen, luxussanierten Wohntürmen, gab es dafür dann den Welterbe Status.


Vorteile der Bedeutungslosigkeit


Ganz ähnlich war das auch in Hoi An. Die Stadt, bereits im 4. Jahrhundert gegründet, erlebte ihre Glanzzeit als Handelsmetropole im 15. – 17. Jahrhundert, als sich erst Japaner und Chinesen, später dann auch Europäer ansiedelten und den Hafen für lukrative Geschäfte nutzten. Die Umwelt setzte dem Wirtschaftsboom dann ein Ende: der Hafen versandete und die großen Handelsschiffe legten bald nur noch im nahe gelegenen Da Nang an. Weil damit auch in Hoi An das Auskommen schwieriger wurde, blieben die traditionellen alten Häuser erhalten. Auch im Vietnamkrieg schützte die Stadt ihre Bedeutungslosigkeit, als einzige Altstadt blieb sie komplett erhalten.


Noch heute kann man das japanische und das chinesischer Viertel bewundern und dazwischen auch immer wieder Gebäude mit europäischen Bauelementen, alles maximal zweigeschossig und mit beeindruckenden Interieurs aus polierten Tropenhölzern. Damit sitzen die Einwohner erneut auf einer Goldgrube, und wieder kommt das Geld aus aller Welt, diesmal in Form von Touristen, die ein paar Tage in diesem UNESCO-prämierten Schmuckkästchen verbringen wollen.








Die findigen Stadtbewohner haben sich voll und ganz auf den Tourismus eingestellt und fahren alles auf, was Vietnam zu bieten hat. So gibt es natürlich in jedem alten Häuschen einen auf Touristen ausgerichteten Shop, ein Restaurant oder ein Café, wo man Kokos- oder Eierkaffee trinken und dabei auf den Fluss und die alten Brücken blicken kann. Dort wiederum fahren ab der Abenddämmerung kleine Holzboote mit erleuchteten Lampions hin- und her, um den Reisenden die Möglichkeit zu geben, die romantische Stimmung direkt auf dem Wasser zu genießen. Andere verkaufen Papierlaternen, die mit einem brennenden Teelicht bestückt aufs Wasser gesetzt werden und als kleine Farbtupfer zwischen den Booten treiben.




Ein Brückenwächter

Auf einer Insel im Fluss findet jeden Abend ein Night Walking Market statt, dessen Ziel es ist, allerhand Nippes und Dippes an den Mann und die Frau zu bringen. Man findet aber auch die hübschen bunten Seidenlaternen und einige Essensstände, deren kulinarisches Angebot zwar leider nicht mit den Thai-Köstlichkeiten zu vergleichen ist, dafür aber deutlich mehr auf den Effekt setzt.






Kalter Rauch


Das nette deutsche Trio, das Lutz im Nachtzug kennengelernt hatte, erzählt uns bei einem Spaziergang über den Nachtmarkt von ihrer Entdeckung des vorigen Abends. An einem Stand gibt es kleine bunte Kügelchen zu kaufen, die in flüssigem Stickstoff heruntergekühlt werden. Hat man sie sich mit Stäbchen in den Mund befördert und kaut auf ihnen herum, beginnt man drachenartig Rauch aus Mund und Nase zu speien, und das in wirklich beeindruckendem Ausmaß. Die Bällchen selbst schmecken dabei zwar nach nichts und sind glücklicherweise nicht einmal besonders kalt auf der Zunge – aber für den visuellen Effekt lohnt es sich allemal.


Die Drei – wie es in Vietnam lustigerweise üblich ist, in ein Gruppenoutfit gekleidet – sorgen dann auch dafür, dass unser Drachenatem korrekt in Szene gesetzt wird. Der Videobeweis findet sich am Ende des Artikels.


Quer durch die Altstadt


Wir genießen es, durch die schmucke Altstadt zu schlendern, die glücklicherweise sogar autofrei ist. Gelegentlich ziehen Fahrradrikschas mit Touristengruppen vorbei, das ist es dann aber auch. Ansonsten versuchen wir so oft wie möglich den netten vietnamesischen Damen mit den traditionellen konischen Hüten auszuweichen, die Obst aus zwei Körben verkaufen wollen, die an einer Verbindungsstange über der Schulter getragen werden. Wahlweise versuchen sie auch, einem die Last aufzubürden, damit man ein schickes Fotomotiv für das Album hat – und sie ein paar Dollar Fotogebühr. Wird das Mitleid zu groß, kaufen wir ihnen Obst ab und laufen dann schnell davon, bevor wir zum Fotografieren genötigt werden.


Gelegentlich ist auch mal ein Roller dabei

Die Fahrradrikschas

Wir besuchen einige ehemalige Handelshäuser und bewundern ihre verwinkelte Architektur mit den knarzenden Holztreppen und schönen Lichthöfen. Außerdem schlendern wir über die Märkte der Stadt und erwerben einige der hübschen Seidenlampions als Mitbringsel für Freunde in Deutschland – und einen für unsere zukünftige Bleibe auf Fuerteventura. Und da Hoi An besonders für seine begabten und schnellen Schneiderinnen bekannt ist, lässt sich Lutz auf dem Kleidermarkt vermessen für ein maßgeschneidertes Hemd.



Auf dem Land


Hoi An ist klein und sogar mit dem Fahrrad kann man in zehn Minuten die Stadt hinter sich lassen und draußen durch Äcker und von Familien bewirtschaftete Reisfelder fahren. Wir machen das im Zuge einer Tour, bei der ein Guide uns auf dem Fahrrad abholt und uns kreuz und quer durch die Umgebung Hoi Ans führt. Dabei bekommen wir nicht nur erklärt, wie das mit dem Pflügen und bestellen eines Reisfeldes funktioniert, nein, wir probieren es auch selber aus.



Unser Helfer dabei: ein kräftiger Wasserbüffel mit überraschend sanftem Gemüt. Mit größter Geduld lässt er sich von uns, den Pflug ziehend, durch das Reisfeld führen. Danach lernen wir, wie der Boden vorbereitet und die Reispflanzen eingesetzt werden. Die typisch vietnamesischen Hüte sind übrigens eine echte Wohltat dabei. Sie sind federleicht und schützen dennoch Gesicht und Nacken vor der intensiven Sonne.



Unsere nächste Aufgabe besteht dann darin, in einem kleinen runden Boot sitzend, Krebse aus dem Uferschlamm zu fangen mit Hilfe einer selbstgebastelten Angel. Diese besteht aus einem Stöckchen, an dem ein Seil mit dem Köder, einem Stück Garnele, befestigt ist. Die Krebse mögen zwar die Garnele gerne, halten sie dann aber meist doch nicht fest genug, um mitsamt dem Köder aus dem Schlamm gerissen zu werden und in unser Gefäß zu wandern. Nach langem Warten und unzähligen Fangversuchen haben wir nur eine Handvoll Krebse erbeutet. Am Ende sind wir aber ganz glücklich darüber, denn die Dorfkinder am Ufer kippen nach unserer Ankunft das Gefäß mit den Krebsen aus und stellen den Tieren dann kreischend und um sich schlagend nach. Ich glaube, am Ende hat keiner der Krebse diese kindliche Begeisterung am Quälen überlebt.



Später, im Familienheim unseres Guide, spielen Krebse dann glücklicherweise kulinarisch keine Rolle mehr. Stattdessen lernen wir Reis mit einer alten Steinmühle zu Reismehl zu zermahlen und daraus die typischen vietnamesischen Knusperpfannkuchen zuzubereiten, die mit allerhand frischen Kräutern, Sojasprossen und Shrimps gefüllt werden und fetttriefend lecker aus der Hand gegessen werden.



Kulinarik


Überhaupt ist in Hoi An auch kulinarisch einiges geboten. Wir probieren zum Beispiel leckere Banh Mi (die vietnamesischen gefüllten Baguettes), die schon Anthony Bourdain hier genossen hat.




Aus einem Schüsselchen trinken wir den lokalen Tee, der mit Wasser aus einer geheimen Quelle zubereitet wird, und angeblich beinahe unsterblich macht. Die alten Damen, die um die Teeverkäuferin herumsitzen, sind jedenfalls sowohl überaus runzlig als auch bester Laune. Das mag allerdings auch an dem Betel liegen, den sie eifrig kauen, und der ihre Zähne und das Zahnfleisch blutrot färbt. Betel wird in Vietnam von vielen älteren Menschen noch eifrig konsumiert, so kugelte sich zum Beispiel auf unserer Radtour eine alte Bäuerin vor lauter Glückseligkeit kichernd am Boden, ein Anblick, den man bei deutschen Rentnern doch eher selten geboten bekommt.



Wir essen Teigtaschen, die nur in einem einzigen Haus der Stadt von zwei tapferen Damen jeden Tag frisch zubereitet, und an sämtliche Restaurants der Stadt ausgeliefert werden.


Hier werden die Teigtaschen gerade gefüllt

Wir probieren eine der typischen Dessert-Suppen, die es an jeder Straßenecke gibt und finden sie – nicht toll. Allerhand mehr oder weniger schleimig- gallertige Kügelchen und matschige Bohnen in einer halbwegs neutralen, süßlichen Kokossoße.



Da lohnt sich die örtliche Spezialität, das Cao Lau, ein Nudelgericht mit frischen Kräutern und Schweinefleisch, schon deutlich mehr.




Ich muss außerdem zu meiner Schande gestehen, dass ich beim Frühstück ganz aus dem Häuschen bin, weil es hier – man halte sich fest – doch tatsächlich Scheiblettenkäse am Frühstücksbuffet gibt. Nicht dass ich davon jemals Fan gewesen wäre, aber nach Monaten ohne ein Stückchen Käse ist sogar die Scheiblette ein echtes Event.



Und last but not least gibt es in Hoi An ja noch die Stickstoffkügelchen für den Drachenatem. Hier wie versprochen das Video.




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