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  • Sophie

Geblendet von Santorin



Das Santorin Archipel mit seiner Hauptinsel Thera (die man meistens meint, wenn man von Santorin spricht) ist im Prinzip ein aktiver Vulkan mitten in der Ägäis. Man stelle sich einen Vulkankrater vor und eine Caldera drumherum. Der Krater liegt hier unter Wasser, jedenfalls fast, denn in der Mitte ragen die Inseln Nea und Palea Kameni aus dem Meer. Nea Kameni ist tatsächlich ziemlich neu, die spuckte der Vulkan erst ab 1570 aus. Thera wiederum ist ein Teil der Caldera dieses Riesenvulkans, halbmondförmig umschließt sie den Krater, also Meer und Kameni-Inseln in der Mitte.


Wir nähern uns dieser Insel mit der Fähre von Süden kommend, fahren in den überfluteten Krater ein, passieren die qualmenden Kamenis und landen am zentralen Hafen, einer kleine Plattform auf Meereshöhe. Darüber ragt der Rand der Caldera steil und finster auf und dann ganz weit oben – alles weiß. „Da liegt ja Schnee!“ ruft Lutz noch auf der Fähre ganz erstaunt. Wie, Schnee? So hoch ist die Caldera nun auch wieder nicht. Und so kalt war es doch in den letzten Wochen nicht, jedenfalls nicht af Kreta. Wir sehen da also keinen Schnee, nein, wir sehen die Städte von Santorin, lauter kalkweiße Häuser und Mauern, wie Schwalbennester auf den dunklen Fels geklebt.




Lange Zeit lebte man hier mehr schlecht als recht von den mageren Erträgen der Landwirtschaft, verkaufte Wein und Tomatenmark und grub zudem den Bimsstein ab, den der Vulkan reichlich zur Verfügung stellt. Beginnend in den 1970er Jahren hat die Tourismusindustrie alle anderen Betätigungsfelder abgelöst und heute darf man erleben, was unter dem Wort „overtourism“ zu verstehen ist, nämlich in Zahlen: 25.000 Einwohner und 2 Millionen Touristen pro Saison. In 2018 entschied man sich, die Zahl der Kreuzfahrttouristen pro Tag auf 8000 begrenzen.


Die gigantischen Kreuzfahrtschiffe legen vor dem kleinen Hafen von Fira in der Inselmitte an, wo sie den Tag über ankern und der Aufwind an der steilen Caldera die Schiffsabgase in einem nicht abreißenden Strom zuverlässig in die Innenstadt von Fira trägt. Die neuen Besucher werden mit Motorbooten an den Hafen gebracht und dürfen sich dann zwischen Treppenlaufen, einer Seilbahn oder dem Transport auf einem Esel hoch nach Fira entscheiden. Ich habe keinen laufen sehen.


Picture perfect?


Dann schiebt man sich mit Hundertschaften durch die engen Gässchen von Fira, oder meinetwegen Oia und versucht diese perfekten Santorinbilder zu machen, mit den strahlendweißen verschachtelten Häusern, Straßen, Kirchen, Treppen und Terrassen vor dem schwarzen Vulkangestein und tiefblauen Meer. Wenn da nur nicht immer überall diese Touristen wären!


Sie drängen sich durch die Gassen, dicht an dicht, sie liegen, sitzen und räkeln sich auf allen Mäuerchen, geht man vorbei, dann läuft man ihnen unweigerlich ins Bild. Sie steigen auf den Dächern herum für das Motiv mit freier Sicht und lassen sich von Profifotografen begleiten, die die perfekten Blickachsen kennen und die Kunst beherrschen, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken – wenn sich gerade mal kein Schmerbauch vor die Kundin im dramatisch wallenden Gewand schiebt. Der Ehemann darf übrigens die lange Schleppe des Leihkleides zwischen den Motiven tragen und muss dann damit wedeln beim Fotografieren – für den dramatischen Effekt, wenn sich die Gattin gedankenverloren in ihrer Inseleinsamkeit auf der Kirchenmauer räkelt. Der Touristenstrom hält einen Moment inne – klick – dann schiebt man sich weiter und wird geschoben durch die weißen Gassen mit weißen Häusern, die weißen Treppen und Terrassen.


Fotoshooting in Oia. Ehemann (rechts) muss Kleid wedeln.

Wir machen die obligatorische Wanderung von Fira nach Oia, und es geht kilometerweit nur durch diese weißen Korridore. Jedes Haus ist entweder ein Hotel, ein Airbnb, ein Restaurant oder ein Shop, der pastellfarbene, wallende Gewänder verkauft, die man ja für die Fotoshootings benötigt. Oder Hüte und Sonnenbrillen, die braucht man auch ganz dringend, denn alles ist so wahnsinnig weiß in den Städten und die Sonne brennt herunter und man ist geblendet von alledem.



Exklusive Romantik?


Jedes Hotel wirbt auf seinen Fotos für seine wunderbaren Terrassen mit Blick auf die verschachtelten Städte, oder türkisblaue Infinity-Pools, in denen man sich mit einem Drink und Calderablick räkeln soll. An all diesen Hotels laufen wir auf unserem Weg auch vorbei, aber was die Hotelfotos nicht zeigen: all diese Terrassen und Pools liegen direkt an Wegen und Straßen oder sind aus allen Blickwinkeln jederzeit einsehbar. Hätte ich es darauf angelegt, ich hätte in einem fort Bikini-Hintern, die sich mir entgegenreckten, abklatschen können. Kein sonnenverbrannter Bierbauch, kein Speckröllchen, kein Hinterteil am Pool bleibt hier jemals privat. Teuer sind sie durchaus, diese Hotels, aber exklusiv? Mögen sie auch nur für die kleine Gruppe der üppig zahlenden Klientel zugänglich sein, in ihrer optischen Transparenz sind diese Urlaubsparadiese in Wahrheit äußerst demokratisch.


Nach einem ausgesprochen ruhigen Monat auf Kreta sind Lutz und ich ziemlich erschlagen von diesen ersten Eindrücken. Und wie immer muss man dazu sagen: Wir erleben Santorin nach wie vor in der Nebensaison und unter den Auswirkungen der Coronapandemie, es ist also sicher nur ein winziger Bruchteil der üblichen Feriengäste hier. Doch dieser Bruchteil reicht uns schon und wir sind froh, dass wir uns nicht in einem der touristischen Zentren der Insel eingemietet haben, sondern in dem kleinen Ort Akrotiri im Südwesten. Hier gibt es wie überall auch fast nur noch Hotels und Ferienwohnungen, geöffnet haben momentan aber nur zwei, und eines bewegt sich in unserem finanziellen Rahmen, was auf Santorin für uns erstmals eine etwas längere Suche erfordert hat. Wir haben dann natürlich keinen Infinity-Pool mit Blick aufs Meer, dafür aber wieder Familienanschluss und sonst gibt es im Ort noch drei Restaurants, ein Café und einen kleinen Supermarkt – also alles was man braucht und definitiv keine Touristenhorden.



Was machen wir hier eigentlich?


Sind wir nicht alle hier fürs Fotoshooting?

Warum sind Lutz und ich eigentlich hier, wenn wir ja offensichtlich keine Lust auf Fotoshootings am perfekten Sunset Spot haben, kein Honeymoon Hotel gebucht und keine Drinks am Pool mit Blick auf die Caldera genießen wollen? Wegen mir sind wir hier, ich wollte unbedingt nach Santorin, aus einem einzigen Grund: Der Ausgrabung von Akrotiri.


Akrotiri ist „das Pompeji Griechenlands“, was an sich eine anachronistische Bezeichnung ist, denn die Siedlung wurde in der Bronzezeit verschüttet durch den damaligen Ausbruch des Thera-Vulkans, das muss so etwa 1600 Jahre vor unserer Zeitrechnung gewesen sein (zum Vergleich: Pompeji wurde 79 n. Chr. vom Vesuv verschüttet). Folglich ist Pompeji also eher das Akrotiri Italiens, nur werden die verschütteten Häuser von Akrotiri erst seit den 1960er Jahren systematisch ausgegraben und erforscht und sind auch deutlich weniger bekannt als Pompeji.



Durch Akrotiri mit Captain Obvious


Hatten wir unsere bisherigen Besichtigungen immer alleine und nur mit Hilfe der örtlichen Beschriftungen vorgenommen, wollten wir uns hier Erkenntnisgewinne durch eine professionelle Führung ermöglichen. Unterwegs mit einer Kunsthistorikerin der Uni Athen bekamen wir schlussendlich aber doch nur referiert, was wir ohnehin schon sahen. „Diese Mauer ist 14m hoch, durch die Treppe dort hinten erreichte man das zweite Stockwerk, an der Längswand sehen wir drei Fenster, im Innenhof stehen noch die an dieser Stelle aufgefundenen Tongefäße…“


Nach unzähligen Besichtigungen historischer Stätten im Rahmen dieser Reise kann ich mit einiger Verlässlichkeit bestätigen, dass Erläuterungen dieser Art auch oft auf Schildern oder in Broschüren zu finden sind („Vase (Ton, ca. 2300 v. Chr.)“). Deutlich seltener findet man ausführliche Erklärungen zur Funktion von Gegenständen oder Räumlichkeiten oder zur Bedeutung bestimmter Dekorationen, geschweige denn geschichtlicher Zusammenhänge.


Unsere Fragen (und ich hatte eine Menge Fragen) sollten wir uns bis zum Ende der Tour aufheben. Am Ende der Tour verschwand unsere unergiebige Begleitung dann aber so schnell sie konnte, ich verfolgte sie noch kurz mit einer Frage, die sie nur sehr ungern zur Kenntnis nahm und ausweichend beantwortete, bevor sie uns unmissverständlich klar machte, dass hier nun Feierabend sei. Sollte in ihr also ein Wissensschatz geschlummert haben, von mir wurde er an diesem Tag nicht gehoben.


Am Ende gingen wir dann ein zweites Mal durch die gesamte Ausgrabung, um in Ruhe die Erklärungen auf den Schildern zu lesen. Ein ziemlicher Reinfall also, diese Tour, doch die Ausgrabung selbst war es wert. Auf den ersten Blick hatten wir es mal wieder mit einem staubigen Haufen alter Steine zu tun, den Resten einer bronzezeitlichen Hafenstadt im Südwesten von Santorin.



Ein besonders zerstörerischer Vulkanausbruch hatte die Stadt innerhalb kurzer Zeit unter Asche und Bimsstein begraben. Die Bewohner konnten vermutlich entkommen, denn anders als in Pompeji oder Herkulaneum hatte man keine Toten gefunden, auch keinen Schmuck oder andere Wertsachen. Die Häuser mit ihrem kompletten Mobiliar mussten jedoch aufgegeben werden. Man hatte anscheinend noch versucht, besonders wertvolle Möbel zu retten, denn in den Straßen fand man hier und da noch gestapelte Betten oder Sofas, die man bereits aus den Häusern geräumt hatte, dann aber nicht mehr hatte fortschaffen können. Warum Betten retten? Holz war sehr wertvoll, auf Santorin wachsen bis heute quasi keine Bäume, daher wollte man die Betten wohl trotz Vulkanausbruchs mitnehmen. Und wer sich jetzt denkt: Vulkanasche und hölzerne Betten, wie soll das Holz denn erhalten bleiben? – das blieb es nicht, man konnte aber die hölzernen Strukturen als gipsernen Negativguss aus den Hohlräumen in der Asche gewinnen.


Heute sieht man noch die 2-3 stöckigen Häuser mit kleinen Räumen, aber großzügigen Fensterfronten in den oberen Stockwerken. Es gab eine umfangreiche Kanalisation und fließendes Wasser, offensichtlich auch in den oberen Stockwerken der Häuser, die tönernen Leitungen sind noch vorhanden. Besonders schön sind die vielen Fresken, die man in den oberen Stockwerken gefunden, zu ihrem Schutz allerdings abgenommen und ins Museum in Fira oder sogar nach Athen verfrachtet hatte.


Zde, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons


Es muss eine Kultur gewesen sein, die entweder identisch mit der minoischen Kultur auf Kreta war, oder zumindest in einem sehr engen Austausch mit Kreta gestanden hat, denn die Art der Malerei ähnelt sich stark. Leider konnten wir das Museum in Fira nicht besuchen, weil wir am Osterwochenende auf Santorin gelandet waren und das Museum geschlossen blieb. Einige Fresken hatte ich aber schon in Athen sehen können, wie zum Beispiel die berühmten boxenden Kinder. Und dann gab es hier noch hübsche Naturdarstellungen (ein raumfüllendes Lilienfresko, große Antilopen, Schwalben im Flug) und natürlich auch die typischen gutgekleideten Damen mit der üppigen Oberweite.


Ostern und Abfahrt


Nachdem wir Akrotiri gesehen hatten, war ich einigermaßen versöhnt mit Santorin. Ein Spaziergang durch den relativ menschenleeren Südwesten der Insel zeigte außerdem, dass es auch hier noch ein paar Einheimische gibt, die ein wenig Land- und Viehwirtschaft (hier: Wein und Ziegen) betreiben und mit dem ganzen Rummel in Fira und Oia nicht viel zu tun haben.



Es war wie gesagt das griechisch-orthodoxe Osterwochenende, unsere Herbergsmutter verschwand immer wieder zum Gottesdienst in der Kirche (auch hier per Lautsprecher in die Stadt übertragen). In der Nacht von Samstag auf Sonntag ging eine Prozession durch den Ort und entzündete überall kleine Feuer, auch die Burg in der Mitte der Stadt (mal wieder eine venezianische Festung) war beleuchtet und vor der Kirche brannte ein großes Kreuz. Wir legten uns schlafen, wurden aber gegen Mitternacht geweckt von Salutschüssen und Jubel. Und dann ging ein Feuerwerk in allen Städten der Insel los und es wurde geböllert bis in die frühen Morgenstunden.



Unsere Abreise fiel auf den Ostersonntag, in den wir schon etwas unausgeschlafen gestartet waren. Wir hatten nun einen ganzen Tag totzuschlagen mit all unserem Gepäck, denn die Fähre, die uns weiter nach Kos bringen sollte, fuhr erst nach Mitternacht los. Alle Museen hatten am Ostersonntag geschlossen und viel herumlaufen wollten wir nicht mit unseren schweren Rucksäcken unter der Sonne. Glücklicherweise durften wir uns weiterhin auf dem Gelände unseres Familienhotels aufhalten, und so lungerten wir den größten Teil des Tages und die halbe Nacht dort herum, zählten die Stunden und waren froh, als ein leicht angetrunkener Taxifahrer uns kurz vor Mitternacht abholen kam, um uns zum Hafen hinunterzubringen.

...und alles wieder einpacken.
Herumlungern im Hotelflur
Um Mitternacht am Fährhafen

Endlich schlafen!

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