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  • Sophie

Gemischte Gefühle

Kambodscha im September 2022. Erst vor wenigen Monaten hat das Land seine Grenzen wieder für Touristen geöffnet und die letzten zwei Jahre haben hier einige Spuren hinterlassen.



Direkt nach Siem Reap


Wir recherchieren, es bleibt aber unklar, ob wir an der Landesgrenze zwischen Thailand und Kambodscha ein Visum bekommen können. Ein eVisum online zu beantragen wäre zwar die Lösung, die Seite der kambodschanischen Regierung ist aber tagelang online nicht erreichbar. Kein gutes Zeichen finden wir, schlagen uns die 12-stündige Busfahrt über die Grenze aus dem Kopf und steigen erneut ins Flugzeug.


In Siem Reap, der Stadt die an die weltbekannten Tempel von Angkor angrenzt, bekommen wir am Flughafen gegen 25 US Dollar Devisen ganz unkompliziert unser Visum ausgestellt. Kambodschas Zahlungsmittel Nr. 1 ist tatsächlich der amerikanische Dollar. Angenommen wird er allerdings nur in Scheinen, die nach 2012 gedruckt wurden und in einwandfreiem Zustand sind, zerfleddertes oder abgenutztes wird nicht akzeptiert, aber natürlich gerne als Rückgeld losgeworden. Die eigene Landeswährung wird bei kleineren Beträgen genutzt. Der kambodschanische Riel hat den Gegenwert von 0,00025 Euro, man darf sich also ein wenig im Kopfrechnen üben, wenn man Rechnungen auch mal in einer Mischung aus Dollar und Riel bezahlt.


Bonjour Tristesse


Aber um es direkt klarzustellen: Viel zu kaufen gibt es hier nicht. Da wir zum ersten Mal in Kambodscha sind, haben wir keinen Vergleich zu den Jahren vor der Pandemie, aber schon die erste Fahrt durch Siem Reap zeigt uns ein Bild des Niedergangs. In der Stadt hat jedes zweite Geschäft, Restaurant und Hotel geschlossen, außerhalb so gut wie jedes. Wo man hinsieht stehen Bauruinen, gammeln ungenutzte Gebäude im Dauerregen vor sich hin. Ehemals schicke große Hotelanlagen sind verbarrikadiert, Schimmel zieht sich über Fassaden, überall hängen zerfledderte Werbebanner, künden zerschlagene Leuchtreklamen über geschlossenen Läden von Dingen, die es hier vor drei Jahren noch zu kaufen gab.


Im September 2022 ist davon nicht mehr allzu viel übrig. Wir wohnen in einem hübschen kleinen Hotel am Rand der Stadt, aber auch hier merkt man, dass Covid zugeschlagen hat. Außer uns gibt es kaum Gäste, der Frühstücksraum liegt verlassen und traurig da und der Fitnessraum, wegen dem wir dieses Hotel ausgesucht hatten, ist so staubig, dass man ihn eigentlich nur mit Atemmaske betreten sollte. Die Geräte sind allesamt kaputt und verrostet, es scheint, als hätte hier zwei Jahre lang keiner mehr die Türen geöffnet. Alle Angestellten sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, das Gefühl der Tristesse begleitet einen dennoch auf Schritt und Tritt.


Die Tempel von Angkor



Der Grund für unsere Reise nach Kambodscha sind einzig und allein sie: die Tempel des archäologischen Parks von Angkor. Vom 9. bis 14. Jahrhundert war Angkor die Hauptstadt des Khmer-Reiches und eine Millionenmetropole auf über 400 Quadratkilometern. Da jedoch die Häuser der Bewohner aus Holz gebaut waren, ist von ihnen nichts mehr übrig. Die steinernen Tempel stehen allerdings noch und können auf dem riesigen Areal per Auto, Tuk Tuk oder Fahrrad besichtigt werden. Wir wählen die beiden letzteren Optionen und besuchen die Anlage an zwei Tagen.



Am ersten Tag mieten wir ein Tuk Tuk, das Mr. Sith fährt, und Mr. La ist als Guide mit dabei. Für uns ist so viel Luxus bei einer Besichtigung eine Premiere. Sonst sind wir immer zu Fuß unterwegs und vertrauen auf Ausschilderung oder unsere Recherche als Informationsquelle. Das Vehikel ist allerdings notwendig auf Grund der erstaunlichen Distanzen in der Anlage – zu Fuß geht es hier einfach nicht. Und der Guide? Ich erhoffe mir Informationen und Einblicke, die ich mir nicht so ohne weiteres am Vorabend anlesen kann. In Europa kam ich in den diversen Tempeln, antiken Städten und Kirchen ja gut alleine klar, denn die Kultur ist mir vertraut und die Städteplanung und Architektur griechischer und römischer Gründungen basiert auf den immer gleichen Elementen. War man also in ein paar Ausgrabungen unterwegs, dann erschließen sich die anderen quasi von selbst.


Aber in Asien ist das anders. Die Mythologie und religiösen Konzepte und deren Bildsprache ist mir fremd, die Architektur der Tempel ebenso und von der Geschichte Südostasiens lernt man in Europa standardmäßig gar nichts, so dass Herrschaftsgebiete, Dynastien und Zeiträume verschiedener Großreiche in der Region mir vor der Ankunft hier unbekannt waren. Ich brauche also einen Crashkurs in südostasiatischer Geschichte und hoffe, dass ein Guide uns einige Fragen beantworten kann.


Mr. La - immer auf Sendung


Und keine Frage: Mr. La weiß so einiges über die Anlage von Angkor, er führt uns zuverlässig durch die riesigen Tempel Angkor Wat, Angkor Thom mit dem Bayon Tempel und durch den Tempel von Ta Prohm, der in einem Tomb Raider Film zur Berühmtheit verhackstückt wurde. Abgesehen davon ist Mr. La auch grundsätzlich sehr mitteilsam, erzählt uns ausführlich seine Lebensgeschichte (vom Reisbauern zum Einserschüler, zum Stipendiaten, zum Kellner, zum Tourguide), wobei er größten Wert darauf legt, dass es ihm nicht ums Geld ginge, sondern der Gast für ihn ein Teil der Familie sei. Er tue alles für seine Gäste, stürze sich sogar in Unkosten für sie (er halte immer Ponchos bereit und habe für jeden Gast so ein hübsches Halsband mit Plastikhülle für Eintrittskarte zu den Tempeln, damit diese nicht verloren geht oder nass wird. Zwei Dollar koste ihn allein diese Hülle, aber er verschenke sie an seine Gäste, die ja seine Familie sind usw. Nebenbei bemerkt finden wir eben jene hochgelobte Plastikhülle später in einem Laden für etwa 10 Cent pro Stück).


Und Mr. La bietet natürlich noch diverse andere Touren an, in die Berge, an den Tonle Sap See, zu weiteren, etwas abseits gelegenen Tempelanlagen. Während wir uns von einem Tempel zum anderen bewegen läuft unablässig die Dauerwerbesendung für die anderen Tourenangebote und Mr. Las wunderbaren Service.



In den Tempeln selbst schaltet er dann aber komplett um auf den professionellen Guide, erzählt und beantwortet Fragen, kennt sich aus mit Zahlen und Daten, weiß, was die vielen Steinreliefs darstellen und erläutert so gut es geht die religiösen Konzepte hinter den Abbildungen. Abgesehen davon betätigt er sich dann noch mit großer Leidenschaft als unser persönlicher Fotograf.


Die Kambodschaner zahlen keinen Eintritt und besuchen die Anlage im Morgen- und Abendlicht besonders gerne um hier ihre Pre-Wedding Fotos zu machen. Es ist in Asien üblich, seine Hochzeitsfotos vor der eigentlichen Eheschließung zu machen. Dafür sucht man bevorzugt historische Orte auf und beschäftig dort dann ein ganzes Team an Stylisten, Fotografen und Beleuchtern, um das Optimum aus der eigenen Physis und dem Setting herauszukitzeln. In einer Anlage wie Angkor bieten sich hier spektakuläre Hintergründe für die Inszenierung der Hochzeitsromantik und des ehelichen Glücks.



Und da Mr. La hier seit Jahren unterwegs ist, kennt er nicht nur die besten Spots, sondern ist auch ein Profi an der Handykamera, zieht alle Register bei den Effekten und inszeniert seine Modelle in den besten romantischen Posen. Wir, die Modelle, versuchen so gut wie möglich mitzuspielen. Nur an den besonders romantischen Inszenierungen scheitern wir – das Herz, dass wir mit unseren Händen gemeinsam formen sollen, ist leider nicht zu erkennen. In den Arm nehmen wollen wir uns auch nicht bei 35 Grad, exorbitanter Luftfeuchtigkeit und strömendem Schweiß. Es bleiben Mr. La noch dramatische Schwenks in den Himmel und lustige Panorama-Shots, in denen wir mehrfach auftauchen. Den Rest der Dramatik liefert ohnehin der unglaubliche Hintergrund.



Angkor Wat


Zunächst ziehen wir durch Angkor Wat, den größten Tempelbereich des gesamten Areals. Diese riesige Anlage wurde Anfang des 12. Jahrhunderts als Tempel für den hinduistischen Gott Vishnu erbaut. Der Tempelbereich im Inneren ist von einem riesigen, künstlich angelegten quadratischen Wassergraben umgeben, den man heute auf Plastik-Pontons überquert und schwankend auf die Außenmauer der Anlage zu wackelt.



Die äußere Galeriemauer trennt den Steg von einem inneren Baubereich mit einzelnen Bibliotheksgebäuden in einem weitläufigen Park. Hier finden die meisten Pre-Wedding Foto Shootings statt, nirgendwo sonst spiegelt sich der große Tempelturm von Angkor Wat so anmutig in den Pfützen. Dahinter erhebt sich die zentrale Tempelanlage mit ihren quadratischen Ringmauern, die das zentrale Heiligtum umgeben. Auf der höchsten Ebene, im mittleren Turm, muss einmal eine Statue Vishnus gestanden haben. Heute verehrt man hier den Buddha und hat einen weiten Blick über das flache Land, das die Anlage umgibt. Vishnu wiederum musste in die Eingangsgalerie umziehen, hier wird er heute allerdings auch noch gebührend verehrt.



Die steinernen Wände sind überall geschmückt mit Reliefs von vollbusigen Tempeltänzerinnen, den Apsaras, alle mit unterschiedlichen, stets recht ausgefallenen Frisuren. Ihre formvollendeten runden Brüste sind von den vielen neugierigen Händen schon ganz speckig. Ein Stockwerk tiefer zeigen die Wände eine historische Szene mit dem Erbauer König Suryavarman II, mythologische Schlachten aus hinduistischen Epen und das „Quirlen des Milchozeans“ – hier wird er für Mr. La dann schwierig, uns die Bedeutung dieses mythischen Events nahezubringen.



Gequirlte Urmilch


Kurz gesagt treten hier Götter und Dämonen gemeinsam an, um den Urozean mithilfe einer um den Berg Meru gewickelten Schlange, die sie an beiden Enden vor- und zurück ziehen, milchig zu quirlen. Der Gott Vishnu stützt dabei den Berg Meru von unten ab, damit er bei dem ganzen hin- und her nicht im Ozean versinkt und nimmt dabei die Gestalt einer Schildkröte an. Der Milchozean wird dann so lange gequirlt, bis aus ihm (neben einem Haufen anderer Gegenstände und Gottheiten) endlich der Trank der Unsterblichkeit auftaucht. Den bekommen dann aber nur die Götter zu trinken und die Dämonen gehen trotz gleichem Arbeitsaufwand leer aus. Da kann man schon mal finstere Gedanken bekommen.

Warum diese merkwürdige Geschichte so wichtig ist? Der Bauplan von Angkor Wat basiert auf ihr. Der äußere Wassergraben stellt den Urozean dar, der Tempel mit seinen vier Nebentürmen und dem zentralen Hauptturm steht für den Berg Meru. Und in der Mitte verehrt man passenderweise Vishnu, der das ganze Quirlen ja ermöglicht hat.

Kleiner Crashkurs zu den drei wichtigsten Hindu-Gottheiten: Die hinduistische Dreifaltigkeit besteht aus Brahma, dem Erschaffer, Vishnu, dem Erhalter und Shiva, dem Zerstörer. Kein Wunder also, dass ein König sich Vishnu als Haus- und Hofgott und vielleicht auch als Machterhalter aussucht.


In der riesigen Anlage von Angkor Wat kann man sich stundenlang verlieren, durch die Galerien streifen, die Apsaras zählen, sich verirren in den dunklen Tunneln und dann von neuen Lichthöfen überrascht werden. Aber wir haben noch viel mehr zu entdecken.


Der Bayon


Der zweite Tempel auf unserem Weg ist der Bayon, der inmitten der Stadt Angkor Thom lag. Im Unterschied zu Angkor Wat handelt es sich hier um einen buddhistischen Tempel, erbaut vom Sohn des Herrschers, der Angkor Wat in Auftrag gegeben hatte – die Khmer Herrscher waren offensichtlich flexibel, was ihre religiöse Ausrichtung anging.



Angkor Thom empfängt uns schon mit einem aufmerksamen Blick, denn das Tor zum Stadtbereich wird geziert von einem lächelnden Bodhisattva Lokeshvara – der Bayon Tempel trägt davon etwa 200, auf seine noch 37 stehenden Türme verteilt.



Crashkurs Buddhismus: Ein Bodhisattva ist ein Erleuchteter und kann ursprünglich ein Mensch oder etwas Überirdisches gewesen sein. Die Bodhisattvas sind jedenfalls erleuchtet genug, um ins Nirvana eingehen zu können, entscheiden sich aber dafür, erst einmal allen anderen Wesen zur Erleuchtung zu verhelfen. Lokeshvara ist der Bodhisattva des universellen Mitgefühls und so blickt er uns also aus jeder Ecke und jedem Winkel voller Mitgefühl an, als wir durch den Bayon streifen.



Ta Prohm


Der gleiche Herrscher, der den Bayon in Auftrag gegeben hatte, ließ auch die Anlage von Ta Prohm als großes Kloster im späten 12. Jahrhundert erbauen. Ta Prohm hat wirklich eine ganz besonders mystische Atmosphäre, was vor allem daran liegt, dass man sich dafür entschieden hat, den Tempel nicht komplett zu restaurieren, sondern ihn in dem halbzerfallenen Zustand zu belassen, in dem man ihn in der Neuzeit wiederentdeckt hatte.



Würgefeigen und andere Bäume überwuchern die Anlage, ihre Wurzeln krallen sich in den Stein und verästeln sich bis in die kleinsten Spalten hinein, brechen die Mauern auf. Teile der Gebäude haben bereits aufgegeben, dem Widerstand zu leisten und sind in sich zusammengestürzt, andere Mauern sind gerade so pittoresk überwuchert, dass man hier quasi gezwungen war, einen Abenteuerfilm spielen zu lassen. „Tomb Raider“ ließ 2001 die Brachialarchäologin / Grabräuberin Lara Croft durch die Anlage streifen und seitdem gibt es kein Halten mehr – jeder Besucher von Angkor muss sich zwischen den unwirklich wuchernden Wurzeln in Ta Prohm ablichten lassen. Und wir natürlich erst recht – Mr. La setzt uns auch hier gekonnt in Szene.



Frosch am Spieß


Besichtigen macht hungrig. Lutz und ich wollen in keines der überteuerten touristischen Lokale und holen uns was am Straßenrand. Hier wird es allerdings etwas ärmlich, denn im Angebot gibt es nur etwas Hühnchen und dann noch gefüllten Frosch am Spieß. Na gut, dann eben ein wenig von allem. Wobei der Frosch am Spieß keine Chance hat, unser Leibgericht zu werden, denn er ist nicht nur mit aromatischen Kräutern gefüllt, sondern auch mit seinen kompletten Knochen und Gedärmen. Man kaut also ununterbrochen auf einer uneinheitlichen Masse aus Innereien, Grünzeug und Knöchelchen herum – da hilft auch die scharfe Soße nicht. Mehr als jeweils einen Frosch bekommen weder Lutz noch ich hinunter.



Mit dem Radl durch Angkor



Nach der etwas anstrengenden Tour mit Mr. La wollen wir Angkor noch einmal in Ruhe erleben und mieten uns dafür zwei Fahrräder. Auf dem Rad erschließen sich die erstaunlichen Dimensionen des Areals noch einmal sehr plastisch. Den ganzen Tag radeln wir gemächlich durch die Anlage, steigen hier und dort ab um einen Tempel zu erkunden und machen uns kurz vor Sonnenuntergang auf den Rückweg. Dafür müssen wir leider eine Stunde an einer vielbefahrenen Straße entlang fahren, ganz am Ende habe ich dann noch einen Platten und als wir endlich im Hotel ankommen, sind wir fix und fertig. Aber wir hatten die zauberhafte Möglichkeit, kurz vor Schließen der Anlage noch einmal ganz alleine durch den mysteriösen Ta Prohm zu laufen.



Denn so katastrophal der Einbruch im Tourismus für Kambodscha momentan ist, so froh sind wir an unseren Tagen in Angkor darüber, denn oftmals haben wir die Tempel ganz für uns alleine und dürfen uns vorstellen, wir wären die Entdecker dieser verwitterten Ruinen mitten im Urwald.


Weiter nach Phnom Penh


Unsere Versuche, im Angkor Museum und im Kriegsmuseum Siem Reaps noch etwas über die Geschichte Kambodschas zu lernen, laufen ins Leere. Beide Museen sind offensichtlich seit den Corona-Jahren geschlossen und werden in ihrem Dornröschenschlaf wie die Tempel Angkors langsam von der Vegetation überwuchert.



Also weiter in die Hauptstadt, Phnom Penh. Wir haben viel Gutes über die Stadt gehört, sie sei künstlerisch interessant, aufstrebend, kulinarisch abwechslungsreich, viele westliche Expats hätten sich hier angesiedelt. Von dieser Aufbruchsstimmung ist bei unserem Besuch leider nichts zu spüren. Galerien und Künstlercafés haben genauso geschlossen, wie die hochgelobten Restaurants, in denen man früher lokale Spezialitäten wie gegrillte Vogelspinnen in bester Qualität serviert bekam.


Phnom Penh zeigt sich uns genauso trist und desolat wie das restliche Land und bietet ansonsten nur das, was man in allen asiatischen Großstädten meist im Überfluss findet: Viel Verkehr, schlechte Luft, Krach und Dreck.



Tuol Sleng Genozid Museum


Der Besuch im Tuol Sleng Museum trägt sicher auch nicht zu mehr Heiterkeit bei. In einer ehemaligen Schule hatten die Roten Khmer hier ihre wichtigsten politischen Gefangenen inhaftiert. Intellektuelle, Angehörige von Minderheiten, Andersdenkende, überhaupt Denkende und am Schluss des wahnhaften Genozids auch die eigene Führungselite wurde in Tuol Sleng systematisch gefoltert und ermordet. Die geschätzt ca. 20.000 dort ermordeten Menschen sind allerdings nur ein winziger Teil der insgesamt bis zu 2,2 Millionen Opfer des Roten Khmer – Regimes. So viele Opfer in einem Land mit zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 7 Millionen Einwohnern und in nur vier Jahren, zwischen 1975 und 1979.



Das Land hat seine schlimme Vergangenheit bislang kaum aufgearbeitet, die Führungsriege um Pol Pot überzog Kambodscha noch bis 1998 mit Guerillakrieg von der nordwestlichen Grenze nach Thailand aus. Die meisten der Chefideologen der Roten Khmer blieben bis ins hohe Alter hinein gänzlich unbehelligt, einige Kader, darunter auch der seit 1985 (!) regierende Premierminister, gliederten sich nahtlos in die neue Regierung ein, wo sie bis heute die Strippen ziehen. Erst 2009 gab es einen ersten Prozess gegen einige wenige Führungseliten, die mittlerweile schon das Greisenalter erreicht hatten.


Was man über Kambodschas politische Führung von heute lesen kann, ist auch wenig erfreulich. Geführt wird das Land von einem Ex-General der Roten Khmer, der im Prinzip als Diktator seit 1985 ununterbrochen herrscht. Oppositionelle lässt er nach wie vor gerne verfolgen, foltern und hinrichten. Im Korruptionsindex von Transparency International 2021 steht Kambodscha auf Platz 157 von 180 möglichen Plätzen. Danach kommen nur noch ein paar afrikanische Staaten, Nordkorea und Afghanistan. Die asiatischen Nachbarn spielen in einer ganz anderen Liga. Und wen es interessiert: auf Platz 1 steht Dänemark, Deutschland hat Platz 10.


Armes Kambodscha


Die Kambodschaner können einem wirklich leidtun. Sie haben nicht nur mit einer grauenvoll blutigen nahen Vergangenheit und ihren Folgen zu kämpfen und leiden unter einer autokratischen Regierung, extremer Korruption und Unfreiheit, sondern müssen sich jetzt auch noch aus einer zerstörerischen Wirtschaftskrise nach den Corona-Jahren herausarbeiten.



Wir haben nach einer Woche Aufenthalt genug gesehen von Kambodscha und machen uns – diesmal wieder mit dem Bus – auf den Weg ins Nachbarland Vietnam.



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