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Guns n´ Moses


Jerusalem: Blick auf Klagemauer und Tempelberg mit der goldenen Kuppel des Felsendoms

Nachdem wir vom Personal unseres Jerusalemer Hostels über Fluchtwege bei Notsituationen aufgeklärt worden waren, meine ich mein Wissen direkt in die Tat umsetzen zu müssen, als die Alarmsirene durch die Flure schallt.


Am Vorabend hatte das israelische Militär gezielte Luftschläge im Gaza-Streifen durchgeführt, nun erwartete man die Antwort der Palästinenser. In der gleichen Nacht wurden dann auch tatsächlich hunderte Raketen Richtung Israel abgefeuert. Allerdings kamen die nicht aus dem Westjordanland, sondern alleine aus dem Gaza-Streifen, also ziemlich weit weg von uns. Zudem fing das israelische Militär alle Raketen ab, bevor sie irgendwo einschlagen konnten.


Und die Sirene im Hostel? Entpuppte sich als zu empfindlich eingestellte Alarmanlage eines nahe gelegenen Supermarktes. Außer mir trieb es auch noch andere verstörte Touristen aus ihren Zimmern, die Flucht kam im Gemeinschaftsraum dann aber zu einem raschen Ende, denn dort wurde gequatscht, gelounged und Billiard gespielt wie an jedem Abend und niemand schien alarmiert.


In Israel muss man an solche Situationen gewöhnt sein, und gerade in Jerusalem sitzt man ja quasi non stop auf dem Vulkan. Von der UN ist nur Westjerusalem als ein Teil Israels anerkannt, der Osten, der mit der Altstadt beginnt, sollte eigentlich neutral sein, faktisch wurde er jedoch 1967 annektiert und wird seitdem von Israel verwaltet. Das bedeutet, dass man in der Altstadt ununterbrochen schwerst bewaffneten israelischen Soldat:innen begegnet und an neuralgischen Punkten, insbesondere an den Zugängen zur Klagemauer und dem Tempelberg, durch militärische Kontrollpunkte mit Metalldetektoren geschleust wird.


Jerusalem, das ist die Basis unserer Erkundungen in Israel, hier wohnen wir die ersten Tage in einer Schlafkapsel (immerhin mit Lüftung und Raumschiff-Beleuchtung) und gönnen uns dann das Upgrade zu einem Doppelzimmer im Hostel.




Unser neues Zuhause: die kleine Kapsel oben links


Warum Jerusalem? Ich könnte jetzt etwas von Historie, Lage oder Kultur erzählen, in Wahrheit war es aber hauptsächlich der Preis, der uns so entscheiden ließ. Eigentlich wollte Lutz vor allem Tel Aviv kennen lernen, aber in 2021 gewann die Küstenstadt den ersten Platz im Ranking der teuersten Städte der Welt und der Blick auf die Zimmerpreise bestätigte das: noch die mieseste Absteige, oder das Einzelbett im 12er-Schlafsaal lag deutlich jenseits unserer Preisvorstellungen. Über 100 Euro pro Nacht für so ein Hostel-Stockbett waren die Norm, der Preis der richtigen Hotelzimmer trieb uns fast die Tränen in die Augen.


Die Nächte in Jerusalem sind nun auch nicht gerade geschenkt (über 60 Euro für die Nacht in der Kapsel, knapp über 100 Euro das Doppelzimmer im Hostel, und das auch nur mit dem Rabatt für unsere traurigen Blicke) – aber hier zu wohnen schont unser Reisebudget immerhin ein wenig. Zudem ist Israel wirklich kein großes Land, nur etwa 21.000 Quadratkilometer, das ist so groß wie Hessen oder halb so groß wie die Schweiz. Also überschaubar, und man kann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln recht gut innerhalb kurzer Zeit an die meisten Orte kommen. Zum Beispiel nach


Tel Aviv


Das alte und das neue Tel Aviv in einem Bild

Die große Stadt am Mittelmeer erreichen wir in weniger als einer Stunde mit dem Zug. Kaum ausgestiegen wird klar: Tel Aviv ist ein ganz anderes Kaliber als Jerusalem. Hier ragen riesige gläserne Hochhäuser in den Himmel, überall wird gebaut, die Straßen sind mehrspurig und heftig befahren, in der Stadt wimmelt es von jungen, hippen Menschen in knapper Kleidung. Hier gibt es gar keine Orthodoxen mit ihren schwarzen Anzugmänteln und den verschiedenartigen Riesenhüten, man sieht hier keine Schläfenlocken, keine Bärte, keine weißen Gewandzipfel flattern unter den Hemden hervor, ja, nicht einmal die obligatorische Kippa wird hier noch getragen.



Stattdessen strebt man zum Strand, um sich dort zu sonnen, zu baden, zu sporteln – da machen wir doch direkt mit und springen in das badewannenwarme Wasser. Wir gönnen uns einen Kaffee in einer der vielen Beach Bars und genießen die entspannte Stimmung, bevor wir uns noch einmal ins Gewusel der ehemals arabischen Altstadt Jaffas stürzen, wo es einige beschauliche Gässchen gibt, aber auch jede Menge Vintage-Shops und Flohmarkt-Feeling entlang der größeren Straßen.



Der Zauber Tel Avivs erschließt sich uns bei diesem Kurzbesuch allerdings nicht, wir sind wohl auch schon eher an den ruhigeren Puls Jerusalems gewöhnt. Jedenfalls sind wir ganz froh, als wir wieder durch die im Vergleich tiefenentspannten Straßen Jerusalems laufen. Allerdings müssen wir hier auch laufen: es ist Freitagabend und in Jerusalem werden die Bürgersteige für den Schabbat hochgeklappt, die letzte Straßenbahn haben wir nach unserer Ankunft knapp verpasst.


Nichts geht mehr. Der Schabbat hat die Innenstadt Jerusalems leergefegt.

Das Tote Meer und Masada


Mit dem Bus fahren wir durch das Westjordanland, vorbei an der langen Mauer, die die Palästinensergebiete von den israelischen Siedlungen abriegelt. Das uralte Jericho lassen wir links liegen und biegen rechts zum tiefsten Punkt der Erde ab, zum Toten Meer – das liegt 430 Meter unter dem Meeresspiegel.




Jüdische Siedlung am Toten Meer

Vor einigen Jahren hatten Lutz und ich schon einmal von der jordanischen Seite aus in dieser warmen Salzlake getrieben, dieses Mal bleiben wir aber über Wasser und fahren fast die gesamte Länge des Toten Meeres auf der israelischen Seite ab, vorbei an Siedlungen und Kibbuzen, die üppig begrünt und streng militärisch bewacht sind.


Ansonsten: Wüste, Hitze, Dürre. Flimmernde Luft, die durch Sonne, Sand und Salz wie weichgezeichnet wirkt. Tiefe Krater an der sich ständig zurückziehenden Küste des Toten Meeres. Das sind sogenannte sinkholes, Dolinen, die durch den stetig sinkenden Wasserstand entstehen. Aus dem einzigen Zufluss, dem Jordan, wird seit Jahrzehnten mehr Wasser entnommen, als das Tote Meer bräuchte, um den Verlust durch Verdunstung auszugleichen.


So sinkt der Wasserstand, die Küste wird zum Landesinneren, Hotelresorts, in denen man sich früher fröhlich mit Heilschlamm eingerieben hat, liegen verlassen und teilweise eingestürzt da. Auf der gesamten Längsseite des Toten Meeres hat sich keine Badestelle gehalten und alles ist im wahrsten Sinne völlig verwüstet.


Masada


Unser Ziel ist Masada, eine Festung aus dem ersten Jahrhundert vor der Zeitenwende. Erbauer: Der berühmt-berüchtigte König Herodes, biblisch einschlägig bekannt als Kindermörder von Bethlehem, allerdings tatsächlich bereits im Jahr 4 v. Chr. verstorben. Auf Masada wurde von ihm und den seinen zunächst prächtig logiert, später war es dann die letzte Festung, die im jüdischen Krieg fiel, als die Römer ab dem Jahr 33 einen jüdischen Aufstand niederschlugen und bei diesem Feldzug auch den Tempel in Jerusalem plünderten und zerstörten. Der Tempel sollte nie wieder aufgebaut werden.


Als wir vor ein paar Monaten noch im Winter durch Rom liefen, kamen wir am Forum Romanum auch bei jenem Triumphbogen vorbei, mit dem die Römer ihren durchschlagenden Erfolg in Palästina gefeiert hatten. Bis heute sieht man dort noch abgebildet, wie Legionäre die Menora, den siebenarmigen Leuchter, aus dem Tempel schleppen.


Lebensfeindliche Wanderung am Toten Meer


Wir wiederum schleppen uns bei Masada an dem Tafelberg entlang, auf dem die Reste der Festung bis heute stehen. Unser Ziel ist es, den Berg zu umrunden und von der hinteren Seite zu besteigen, da der direkte Weg an diesem Tag für Fußgänger gesperrt ist. Nach etwa einer Stunde Wüstenlauf verstehen wir dann auch, warum. Es ist so unerträglich heiß und trocken, dass man beim Laufen quasi das Gefühl hat, vom Fleck weg zu verdunsten. Es geht an den Anstieg, ein paar hundert Höhenmeter sind hier nur zu bewältigen. Mir schwirrt der Kopf, ich kann nicht aufhören zu trinken, aber es hilft nicht. Letztlich kehren wir um.


Erst ist der Weg noch eben
Doch bald geht es bergauf. Kein Spaß bei über 40 Grad.


Links oben auf dem Fels liegt die Festung von Masada.



Aus unerfindlichen Gründen scheine ich hier draußen in der glühenden Hitze gar nicht zu schwitzen. Um mich etwas abzukühlen übergießt mich Lutz daher mit Wasser, aber es verdunstet in wenigen Sekunden. Wieder im Besucherzentrum am Fuße des Berges angekommen, zeigt mein Körper dann, was er kann. In den klimatisierten Räumen schwitzt er literweise, kleine Bäche laufen mir von der Stirn, tropfen an mir herab, meine Kleidung klebt an mir. Also habe ich da draußen wohl doch geschwitzt. Nur die Wüste war einfach schneller.


Schwitzen im Besucherzentrum von Masada
Überreste aus Belagerungszeiten, in der Wüste perfekt konserviert für 2000 Jahre. Oben: eine Sandale. Unten: ein menschlicher Zopf.

Wir sind nicht unglücklich, als uns der Bus wieder in dieser menschenfeindlichen Ödnis einsammelt, um uns heim nach Jerusalem zu bringen.

Jerusalem – das ist wirklich ein Kapitel für sich. Und deswegen bekommt die Stadt bald auch ein Kapitel für sich.




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