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  • Sophie

Hanoi

Ich werde ja bekanntlich nicht müde, mich über den schrecklich chaotischen Verkehr in Vietnam auszulassen. In der Hauptstadt Vietnams, Hanoi, wo wir mittlerweile angekommen sind, ist das kein bisschen anders. Nur sind auch wir schon etwas abgebrühter und schieben uns scheinbar tiefenentspannt durch den irrsinnigen Verkehr.



Wir behaupten unseren Raum, schrecken nicht mehr zurück vor hupenden und bremsenden Fahrzeugen. Nur vor den schnaubenden Reisebussen haben wir in den engen Gassen Hanois doch noch etwas Respekt.


Hanoi ist eine Großstadt mit über acht Millionen Einwohnern. Vor allem im winzigen Stadtzentrum mit seiner engen, hohen Bebauung drängen sich auf engen Raum (nur ca. 100 ha) an die 200.000 Menschen. Da die natürlich alle auch mobil sein möchten, bleibt es nicht aus, dass ein Spaziergang durch das Stadtzentrum mehr einem Spießrutenlauf zwischen hunderten hupender Autos und ständig beschleunigender und wieder abbremsender Motorroller gleicht.






Von Gehwegen kann natürlich wieder keine Rede sein. Stattdessen drängen auch noch unzählige Verkäuferinnen mit Fahrrädern, auf denen sie große Bastkörbe voller Waren balancieren, durch die ohnehin schon verstopften Straßen. Zusammen mit den Fußgängern schieben sie sich am rechten und linken Rand der Straße entlang, wo sie versuchen, sich zwischen parkenden Motorrollern und den ständig vorbeibrausenden Autos hindurch zu drücken.


Etwas schade ist es schon, dass man bei aller Konzentration auf das Überleben im Verkehr kaum noch den Blick nach oben richtet, um in den engen Straßen nach den alten Stadthäusern, Schreinen und Tempeln zu suchen, die sich hin und wieder noch in die Gegenwart retten konnten.






Notre Dame-Feeling an der Kathedrale aus der Zeit der französischen Besatzung

Am Hoan Kiem See


In der Mitte des Altstadtbezirk gibt es einen kleinen, oval geformten See, genannt Hoan Kiem, was „See des zurückgegebenen Schwertes“ bedeutet. Der vietnamesische Herrscher Le Loi soll hier einst bei einer Bootstour dem goldenen Schildkrötengott begegnet sein. Er folgte der Bitte des Gottes, sein siegreiches Schwert, dank dessen er eine der vielen Invasionen der Chinesen abwehren konnte, wieder zurückzugeben. Das Schwert hatte er seinerzeit selbst vom goldenen Drachengott erhalten. Statt goldener Drachen und Schildkröten schwimmen im braunen Wasser des Sees heute eher Plastikflaschen und -strohhalme, die letzten Exemplare der örtlichen Schildkrötenart hat man seit 2016 nicht mehr lebend gesehen. Und so wie der See aussieht, scheint mir eine erneute Sichtung auch nicht sehr wahrscheinlich.




Um den See tost der Stadtverkehr in einem irren Tempo auf vier Spuren im Kreis umher. Hat man diese höllische Schwelle allerdings überschritten, kann man am See entlang spazieren und versuchen, einen kleinen Moment der Ruhe in der lauten, vollgestopften Stadt zu erleben. Die Einwohner Hanois nutzen den See zum romantischen Spaziergang, zum Treffen mit Freunden und besonders gerne für Fototermine jeglicher Art. Hier werden Brautpaare fotografiert, Selfie-Orgien abgehalten und ältere Gruppen agiler Damen präsentieren äußerst motivierten Fotografen Ihre traditionellen Gewänder im Grünstreifen rund um den See.


Gerne flaniert man auch zu einem kleinen Tempel, der auf einer Insel am Rande des Sees erbaut wurde oder sitzt auf einer Bank und blickt sinnierend über das Wasser, vielleicht auch auf der Suche nach der wirklich allerletzten Schildkröte, wer weiß. Da der Verkehr der Stadt allerdings nur in wenigen Metern Entfernung hinter einem entlangtost kommt dabei kaum ein Moment des Friedens oder der Entspannung auf.


Ok, bei Nacht ist er dann doch ganz schön.

Gerne maskiert


Lutz und ich tragen unserer Masken hier bald ausgesprochen fleißig sobald wir unser Hotel verlassen. Doch nicht etwa, weil wir Angst hätten, uns mit Corona zu infizieren, sondern einfach wegen der ausgesprochen schlechten Luft. Ich habe gelesen, dass die Innenstadt ab 2030 frei von Motorrädern und -rollern sein soll. Momentan raubt die Luftverschmutzung den Einwohnern Hanois allerdings laut einer Studie im Schnitt 2,5 Lebensjahre. Eine Stunde Spaziergang ohne Maske fühlt sich für unsere Lungen in etwa so an, als hätten wir eine Schachtel Zigaretten Kette geraucht.


Nichtsdestotrotz findet ein Großteil des Lebens hier offensichtlich auf der Straße statt. Die Läden sind sehr klein, daher werden Verkaufsstände jeden Morgen auf die Straße hinaus geräumt. Fahrende Händler bringen Waren aus dem Umland in die Innenstadt, die sie von ihren Fahrrädern auf der Straße verkaufen. Garküchen stellen ihre kleinen Plastikstühle und -tische auf engstem Raum in Seitengassen, auf Gehwegen und direkt auf der Straße auf.




Anscheinend ist das Kind aus dem Gröbsten raus. Der Kinderwagen ist jedenfalls zum Verkaufsstand umgebaut.

Sie verkaufen frisch Gekochtes zum Frühstück, Mittag und Abendessen. Zwischen den üblichen Essenszeiten wird der Stand schnell beiseite geräumt. Da das Frühstück in Vietnam meistens schon vor 08:00 Uhr morgens eingenommen wird, erleben wir die Frühstückskultur dieses Landes nie. Wenn wir unser Hotelzimmer verlassen, geht es für die Vietnamesen meist schon auf die Mittagessenszeit zu, die hier bereits ab 10 Uhr beginnen kann. Der Hintergrund ist natürlich die schwüle Hitze. Nach 12 Uhr möchte man sich eigentlich nicht mehr draußen bewegen und erst recht nichts essen, bis es nach Sonnenuntergang draußen wieder erträglicher wird.


Durch die Garküchen Hanois


Mittags und abends nutzen wir die Gelegenheit, uns mit der Küche Hanois, beziehungsweise mit ihren Garküchen vertraut zu machen. Die Grundidee der vietnamesischen Küche scheint es zu sein, oft erst einmal mit einer Fleischgrundlage zu starten, die oft in etwas Brühe schwimmt. Dazu wird dann grundsätzlich ein Berg von frischem Grünzeug gereicht, Salatblätter und allerhand Kräuter, die man in die Schüssel gibt, um das Ganze anschließend noch mit einer Handvoll Reisnudeln zu krönen. Nachdem man alles gründlich zusammengerührt hat, versucht man die Mischung mit Stäbchen erfolgreich zum Mund zu führen. Und in der Tat schmeckt es meistens richtig gut.


Für mich ist es auch immer sehr lustig, Lutz zu beobachten, wie er mit seinem langen Leib auf den winzigen, extrem niedrigen Plastikhockern Platz nimmt, die die Garküchen als Sitzgelegenheiten auf die Straßen stellen. Seine Beine muss er unter sich zusammenfalten, so dass er fast mit den Knien an den Ohren zu sitzen kommt. Man fühlt sich hier wie auf einem Familienfest, bei dem man an den Kindertisch verbannt worden ist. Oder wie im IKEA Kinderparadies. Nur sitzen hier eben sämtliche Erwachsene auf den kleinen Plastikmöbeln und keiner denkt sich was dabei. Platzsparend ist es allemal.




Lutz kulinarisches Highlight in Hanoi war vermutlich das Barbecue, das auf einem Tischgrill mit größtem Einsatz der Inhaberin der Garküche für uns zubereitet wurde. Statt wie bei den anderen Gästen nur einen Teller mit Grillgut hinzustellen und den Tischgrill anzuheizen, sah sie uns nach wenigen Minuten schon an, dass wir mit dem Konzept ihres Lokals nicht vertraut waren. Also bereitete sie für uns die diversen Gemüse, Fleisch und Fischstückchen auf dem kleinen, rauchenden Grill zu. Das war sicher gut, dann hätte sie uns unserem Schicksal überlassen, hätten wir vermutlich Stunden damit zugebracht, ein Stück nach dem anderen einzeln zu erhitzen, während sie beherzt den ganzen Teller auf dem Grill ausleerte und dann fröhlich mit den Stäbchen in der in der Mischung herumrührte bis alles gar war. Und ganz am Ende kamen dann noch die obligatorischen Reisnudeln, um das Bratfett vom Grill aufzusaugen – lecker!


Anderntags schmeißen wir uns in Schale und treffen unsere alten Bekannten aus Hoi An wieder, um mit ihnen auf kulinarische Expedition zu gehen. Gegessen wird eine etwas schleimige, einem Eintopf ähnelnde Brühe, in der undefinierbare frittierte Bällchen treiben, die unsere deutsche Bekannte uns als vietnamesisches Frikassee anpreist. Dieses Gericht wurde nicht unser Favorit.


Endlich im Partnerlook

Dabei war das immer noch besser, als die zweifelhafte Mischung von Innereien (Bún đậu mắm tôm), die wir andernorts serviert bekamen. Ein kulinarischer Geheimtipp im Lieblingsrestaurant vieler Einwohner Hanois, war für uns der Mix aus unterschiedlichen Abschnitten des Verdauungstraktes eines Schweins und der dazu gereichten Blutwurst vermutlich der Tiefpunkt in Sachen Genuss.


Sieht besser aus als es schmeckte: Kutteln auf vietnamesische Art

Aber was soll´s, auch in Deutschland gibt es Gerichte, die definitiv acquired taste sind. So sagten meine indischen Kolleginnen an der Uni beispielsweise immer, der Raclette-Stand am Freiburger Weihnachtsmarkt rieche als sei dort jemand gestorben.


Sehr gerne mochte ich zum Beispiel Bun cha - ein Gericht mit gegrilltem Schweinebauch, vielen Kräutern und marinierter Papaya. Und die obligatorischen Frühlingsrollen von Hand mit diversen frischen Zutaten zu befüllen, das trocken-knisternde Reispapier vorsichtig zu rollen und dann zu versuchen, die viel zu üppig befüllte Rolle noch mit ordentlich Soße versehen halbwegs elegant zu verschlingen ist lecker und lustig gleichermaßen.

Bun Cha
Das Set zum Frühlings-rollen
Eine leckere Grillplatte u.a. mit Klebreis und junger Papaya
Zu guter Letzt: die Rechnung

Eierkaffee mit und ohne Gesicht


Nachdem wir in Hoi An bereits den dort gerühmten Kokoskaffee probiert hatten, der allerdings nur ein ganz normaler Kaffee mit Kokosmilch ist, wollen wir uns in Hanoi den vietnamesischen Eierkaffee nicht entgehen lassen.


Für diese Kaffeespezialität wird ein Eigelb schaumig aufgeschlagen und zusammen mit der obligatorischen Kondensmilch über den Rohöl-gleichen vietnamesischen Kaffee gegeben. Diese Kombination wird dann meist noch mit Hilfe eines kleinen Teelichts oder einem heißen Wasserbad unter der Kaffeetasse warmgehalten. Das Eigelb neigt nämlich dazu, mit der Zeit immer fester zu werden und das Erhitzen bremst den Prozess ein wenig aus. Trinkt man schnell, dann schmeckt diese Kombination ein bisschen wie die Mascarponecreme beim Tiramisu. Trinkt man zu langsam, erhält man irgendwann eine feste, schaumige Masse, die einen kompakten Verschluss auf dem schwarzen Rohölkaffee bildet.



Wir hatten die besondere Freude, unseren Eierkaffee an den Gleisen der vietnamesischen Bahn zu trinken. Und damit meine ich fast wortwörtlich auf den Gleisen, denn wir saßen nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt. Früher waren die Cafés entlang der Gleise in der Train Street ein Dauertipp in den Reiseführern für Hanoi gewesen. Doch vor kurzem waren unvorsichtige Touristen hier zu Schaden gekommen. Wir vermuten einen Unfall mit Handyhintergrund. Seitdem hatte man das Gleisbett jedenfalls für Fußgänger gesperrt.


Hier geht´s zum Café. Einladend.



All die vielen Restaurants und Cafés, die hier seit Jahren von den bahnbegeisterten Touristen gelebt hatten, waren damit auf einen Schlag ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die einzigen zwei Cafés, die bis zu unserem Besuch überlebt hatten, machten ihr Geld mit den wenigen Touristen, die bereit waren, sich für einen Kaffee mit Gleisblick durch diverse Hinterhäuser und Hinterhöfe bis zum Hintereingang des Cafés hindurch zu winden. Ein finsterer Polizist patrouillierte derweil entlang der Gleise und ermahnte jeden Fußgänger, der sich neugierig direkt in Richtung unseres luftigen Platzes in der ersten Reihe bewegen wollte.


Besonders gefährlich erschien mir diese Train Street allerdings nicht. So lange wir beim Kaffee saßen, kam kein einziger Zug. Ein Blick auf den Fahrplan verriet, dass hier nur etwa sechs Mal am Tag überhaupt ein Zug durchfährt.


Unseren zweiten und letzten Eierkaffee gab es für uns dann noch in einem Café, das seinen eitlen Gästen einen besonderen Service bietet: jeder Gast bekommt sein Konterfei auf die schaumige Krone seines Kaffees gemalt.




Die Puppen baden lassen


Am Rande des ja leider nicht besonders friedlichen Sees in der Innenstadt steht das Wasserpuppentheater Hanois. Wie der Name schon sagt, ist die Bühne in diesem speziellen Theater komplett geflutet und sieht eher aus wie ein kleiner Pool, an dessen rechter und linker Seite sich jeweils erhöhte Plattformen befinden. Auf denen lassen sich zur Aufführung die Musiker und Sänger nieder, die die Darbietung in dem kleinen Becken musikalisch begleiten werden.





Die Puppenspieler sieht man während des gesamten Stückes hingegen nicht. Hinter einem Vorhang, der je nach Bedarf um einen Schlitz geöffnet werden kann, stehen sie hüfttief im Wasser und lassen von dort aus mit Hilfe von langen, gebogenen Stangen die Puppen mit ihren beweglichen Gliedern aus dem Wasser auftauchen.


Es handelt sich hierbei um eine Tradition der vietnamesischen Dörfer - Stichwort Reisfeld. Angeblich vertreibt man sich die Zeit dort schon seit dem 11. Jahrhundert mit diesem halb geflutetem Puppenspiel.


Ganz am Ende tauchen die Puppenspieler dann natürlich einmal auf. Und siehe da: kein Ölzeug.

Das Stück, das hier jeden Tag mehrfach gegeben wird, besteht aus der immer gleichen Abfolge von kleinen Szenen aus dem Alltag und der Mythologie Vietnams. So sieht man beispielsweise die Wasserdrachen tanzen. Oder man beobachtet einen Mann, der im Reisfeld einen Frosch fangen möchte. Oder einen anderen, der den Fuchs davon abhalten möchte, seine Enten zu fressen. Wir freuen uns besonders, als wir dargeboten bekommen, wie man mit dem Wasserbüffel ein Reisfeld pflügt. Immerhin sind wir in diesem Metier bereits selber Profis.


Die Wasserbüffel

Die Drachen


Es gibt tanzende junge Damen, ein Dorffest, mythologische Tiere und natürlich die Geschichte vom goldenen Schildkrötengott und dem Kaiser und dem Schwert im See vor dem Puppentheater. Musik, Gesang und Puppenspiel sind so niedlich und die gesamte Stimmung in dem kleinen Theater ist so heiter, dass wir mit bester Laune wieder hinaustreten in den nervenzerfetzenden Moloch der Innenstadt.

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