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Lanzarote lohnt sich


Lanzarote ist nur einen Katzensprung von Fuerteventura entfernt, oder sagen wir: einen fliegenden Fisch-Flug entfernt. Den Fisch sehen wir von der Fähre aus fliegen, als wir in 30 Minuten übersetzen auf die direkte Nachbarinsel von Fuerte. Und obwohl sich die beiden Inseln so nahe liegen, haben sie ansonsten nur wenig gemeinsam.


Wo es auf Fuerteventura hauptsächlich um Sport geht, geht es hier mehr um Kultur. Auf Fuerte liegt man am Sandstrand, auf Lanzarote läuft man über Lavafelder. Ist Fuerteventura karg, so baut man auf Lanzarote in mühsamer Kleinarbeit Wein an, inmitten der ausgedehnten Lavafelder. Fuertes Farbe ist die von Sand, Lanzarote ist schwarz, weiß, grün. Schwarz die Lava, weiß die Häuser, grün die Palmen, Kakteen und Gärten.


Ein Künstler prägt eine Insel


Der besondere Charme Lanzarotes ist dem Einfluss eines lokalen Künstlers zu verdanken. César Manrique, 1919 auf Lanzarote geboren und 1992 daselbst tödlich verunglückt, hat die Insel in jahrelanger Arbeit und mit konstanter Bemühung weitestgehend vor dem Massentourismus und der damit verbundenen Verschandelung bewahrt. Heute gibt es auf Lanzarote keine Werbeplakate, keine Bettenburgen und nur ein einziges Hochhaus, denn die von Manrique angeregten Regeln besagen, dass nur traditionell gebaut werden soll. Damit dürfen Häuser nicht höher als zwei Stockwerke sein und sie sind immer weiß gekalkt, um die Bewohner vor der Hitze zu schützen.


Typisch Lanzarote: Vulkanische Landschaften
Weinanbau in Lavafeldern. In jeder Kuhle duckt sich eine Rebe vor dem Wind und der Hitze.
Der typische Ort auf Lanzarote mit niedrigen, weißgekalkten Häusern. Hier ist es Yaiza.
Lanzarotes Farben: schwarz, weiß, grün

Doch bei Ge- und Verboten hat Manrique es nicht belassen. Was Lanzarote tatsächlich so besonders sehenswert macht, sind seine diversen öffentlichen Bauwerke an meist spektakulären Orten, die die Schönheit der wilden Vulkaninsel erst richtig in Szene setzen.


Das Restaurant am Rande des Lavafelds


Vulkanisch ist auf Lanzarote noch richtig was geboten. Ab 1730 brachen sechs Jahre lang Vulkane im Westen der Insel aus, die mehrere kleine Dörfer völlig verwüsteten und deren Lavafelder bis heute ein Viertel der Insel bedecken. Heute ist diese Mondlandschaft auch dank des kongenialen Zutuns von Manrique eindrucksvoll touristisch erschlossen.


Mit Reisebussen wird man in den sogenannten “Feuerbergen” (Montañas del Fuego) durch die Lavafelder vorbei an Vulkankegeln verschiedener Größen und Farben kutschiert, abseits der Wege sollte man sich hier nicht bewegen, denn der Untergrund ist nach wie vor kochend heiß. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn oben am Besucherzentrum (gestaltet von Cesar Manrique, was sonst), wird einem demonstriert, wie ein Schluck Wasser, den man in ein dafür gegrabenes Loch im Boden gießt, Sekunden später als Dampfwolke hervor schießt. An anderer Stelle kann man trockenes Gestrüpp allein durch den Kontakt mit dem Boden in Brand setzen.


Das Teufelchen weist den Weg zu den Feuerbergen





Das Restaurant am Ende des Universums


All diese Naturphänomene kann man gemütlich durch die Scheiben des Besucher-Restaurants beobachten, während man ein Hühnerbein verzehrt, das zuvor auf einem Grill über einem der Höllenschlunde im Berg gegart wurde.






Manrique verstand es jedenfalls meisterhaft, das Erhabene mit dem Alltäglichen zu verbinden. Man muss weder hungern noch dürsten und die Toiletten sind zahlreich und sauber, gleichzeitig darf man sich aber fühlen, als sei man auf einer Übungsstation auf dem Mars gelandet.


Im Lavatunnel


Ein weiteres Phänomen aller vulkanischen Landschaften sind die Lavaröhren, die in Strömen dünnflüssiger Lava entstehen können. Die Lava strömt vom Vulkan herab und kühlt durch den Kontakt zum umgebenden Gestein und oben zur Luft an den Außenseiten ab. Es entsteht eine solide Röhre, durch die in der Mitte die noch flüssige Lava entlang des Gefälles fließt. Endet der Vulkanausbruch, fließt die flüssige Lava ab und zurück bleibt ein unterirdischer Tunnel in der Lava, der sich über mehrere Kilometer erstrecken kann.


Solche Tunnel gibt es auf allen kanarischen Inseln und findige Höhlenforscher erweitern das Spektrum bekannter Höhlen fortlaufend. Oft führt aber auch der Zufall zur Entdeckung, nämlich wenn ein Bauer mit seinem Traktor durch eine instabile Höhlendecke bricht, oder eine alte Dame im Wald beim Holz holen plötzlich im Boden verschwindet - beides tatsächlich so passiert, die jeweiligen Höhlen sind heute begehbar.


Viele Tunneldecken stürzen aber auch durch ihr Gewicht im Zuge der Verwitterung ein und eröffnen Zugänge zu den Lavaröhren, die die Einwohner Lanzarotes schon seit Jahrhunderten nutzen. Sie dienten als Wohnung, Versteck, Viehstall oder Mülldeponie - aus den Augen aus dem Sinn. So zum Beispiel die heute bekannteste Lavaröhre Lanzarotes, die sich an zwei Bruchstellen zum Himmel öffnet, wobei man von der einen zur anderen durch eine kurze Tunnelpassage gelangt, in der ein unterirdischer See entstanden ist.


Jameos del Agua


Manrique ließ den Müll aus dieser Höhle entfernen und designte ein Besucherzentrum mit einem Konzertsaal, Café, Restaurant, Park und Pool, das in seiner Gesamtheit wie von einer anderen Welt erscheint.


Es ist mein erklärter Lieblingsort auf der Insel. Steigt man hinab in die erste Öffnung der Lavahöhle, so fühlt man sich als betrete man das geheime Hauptquartier eines Bond-Bösewichts aus den 70er Jahren. Da das Interieur in dieser Zeit entworfen wurde, erfreuen Restaurant und Café durch Stuhlpolster in sattem Orange, eine eigenwillige Farbwahl im Kontrast zum Schwarz der Lava und dem Grün der diversen tropischen Pflanzen, die alles überwuchern.




Im daran angrenzenden Lavatunnel liegt der bereits genannte unterirdische See, der das Biologenherz höher schlagen lässt. Hier leben nämlich blinde Albinokrebse, die sonst nur in Meerestiefen unter 2000 Metern vorkommen und die hier einen sehr exotischen neuen Lebensraum erschlossen haben.





Steigt man vom See wieder hinauf, gelangt man zum Café und anschließend zur zweiten großen Öffnung der Lavaröhre. Hier hat Manrique einen türkisblauen Pool anlegen lassen, den man mittlerweile aber leider nicht mehr benutzen darf. Es mag auch ein leichter Anklang an die Eisbärgehege großer Zoos entstehen, denn es fehlen jegliche Leitern, Abflüsse, Beckenränder, die man sonst von Badeanstalten gewöhnt ist.




Man badet ja auch nicht mehr, aber man darf betrachten, um den Pool flanieren und selbstverständlich eine endlose Zahl an Selfies produzieren.


Hinter dem Pool liegt schließlich der Konzertsaal, der in die Fortsetzung der Lavaröhre gebaut wurde. Das gesamte Ensemble ist außergewöhnlich, voller Details und ruhiger Orte, an denen man sitzen und regelrecht in der Betrachtung des Ortes versinken möchte. Auch hier muss man dabei nicht auf Kaffee und Kuchen verzichten, doch der Kommerz hält sich in Grenzen, stattdessen freut man sich hier über einen Grund, noch etwas länger zu verweilen und diese unvergleichliche Anlage auf sich wirken zu lassen.


Der Konzertsaal
Kleine Bar am Rand des Besuchertrubels


Wenn ich die Eroberung der Welt planen würde, dann wollte ich meine Bond-Bösewicht-Ideen ganz bestimmt hier entwickeln, auf diesen orangefarbenen Polstern in der Lavagrotte.



Cueva de los Verdes


Gleich nebenan liegt dann auch schon die nächste Lavaröhre, die Cueva de los Verdes, durch die man eine kleine geführte Tour machen kann. Diese Lavaröhre hat zwei Stockwerke, da zwei Lavaströme übereinander aushärteten. Hin und wieder ergab sich allerdings eine Verbindung zwischen den Tunneln, so dass man durch teilweise kathedralenartige unterirdische Räume laufen kann, wo statt der der Stalaktiten erstarrte Lavatropfen von der Decke hängen.


Der unscheinbare Eingang zu Höhle
Ein Durchbruch zwischen den zwei Lavaröhren
Auch hier gibt es einen unterirdischen See, in dem sich die Höhlendecke spiegelt und den Eindruck gewaltiger Tiefe erweckt

Mirador del Rio


Auch einen schönen Blick wusste Manrique zu inszenieren. Im Nordwesten der Insel liegt die winzige Insel La Graciosa, die von ein paar Fischerfamilien bewohnt wird. Zwischen ihr und Lanzarote ähnelt das Meer einem Fluss (“Rio”), nach dem der Aussichtspunkt (“Mirador”) benannt ist.



Eigentlich gibt es hier nicht viel zu sehen, oder zumindest nicht viel mehr als wenige Meter vor oder nach dem Besucherzentrum. Aber das Gebäude an sich zieht die Besucher zu Recht an. Es wurde in den Fels gebaut, von außen sieht man es nicht, von innen ergeben sich Blicke durch große Glasfronten zum Meer hinaus.


Wie immer gibt es weißgekalkte Wände, organisch geschwungene Formen, liebevolle Details und eine brauchbare Cafeteria, deren Personal auch hier noch die von Manrique in den Siebziger Jahren designte Arbeitskleidung trägt.









Cesar Manriques Haus in den Lavablasen


Aber nicht nur für die Besucher Lanzarotes hat Manrique Architektur erdacht, die die Natur erst richtig erfahrbar macht. Auch er selbst wohnte jahrelang in einem Haus, das für ihn auf und in einem Lavastrom des Vulkanausbruchs von 1730 erbaut wurde. Oberirdisch weiß, hell und offen, unterirdisch in fünf Lavablasen hineingebaut, die durch Tunnel verbunden sind, ist das Anwesen labyrinthisch und immer wieder überraschend.


Im Erdgeschoss des Hauses
Blick auf den nächstgelegenen Vulkan und den Lavastrom, in den das Anwesen gebaut wurde

Bodentiefe Fenster holen die Landschaft heran
Und manchmal fließt der Lavastrom sogar wortwörtlich ins Haus

Heute ist es ein Museum, das Kunstwerke von Manrique und aus seiner Zeit zeigt, dazu aber auch unzählige Fotos aus den Siebzigern und Achtzigern, auf denen sich Manrique samt Freunden und Gästen meist nackt oder sehr leicht bekleidet irgendwo auf den Polstern in den Lavablasen des Hauses räkelt.


Ich würde wetten, dass die meisten Besucher es ihm gerne nachtun würden, denn der kleine, blitzeblaue Pool und die kultigen Hängesessel laden in der Hitze zu einer angenehmen Siesta ein.


Ab ins Untergeschoss
Und hinein in Manriques private Lavatunnel









Hier noch der Künstler selbst, in seiner üblichen Pose - im Adamskostüm und in Ehrfurcht vor Lanzarotes wilder Natur.


Auf zur nächsten Insel


Es gäbe noch allerhand mehr zu sehen auf Lanzarote, doch wir wollen langsam weiter reisen. Wir statten den Surfern von Famara noch einen kurzen Besuch ab, kraxeln durch eine kleine Schlucht und verabschieden uns dann von unseren Nachbarn auf Lanzarote, zwei kräftigen Ponys.








Da wir alle kanarischen Inseln einmal sehen wollen, machen wir als nächstes einen großen Sprung: Lanzarote ist die östlichste Insel, dann kommen Fuerteventura und Gran Canaria, die wir bereits kennen. Es zieht uns in den Westen, der nächste Stopp wird La Palma im Nordwesten der Inselgruppe. Hier soll es grün und wanderfreundlich sein - wir sind schon sehr gespannt.



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