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  • Sophie

Menschen, die auf Felsen starren

Unterwegs in den berühmten Karstlandschaften im Norden Vietnams


Ninh Binh


Man nehme ein Fundament aus Kalkstein, füge ein feuchtheißes Klima mit ordentlichen Niederschlägen und einen säurehaltigen Boden hinzu, und schon bekommt man eine klassische Karstlandschaft mit einem in abenteuerlichen Formen verwittertem Relief.


Genau so etwas findet sich im nördlichen Vietnam, wo die sogenannten Kegel- und Turmkarstlandschaften jedes Jahr abertausende Besucher begeistern. Wem das zu trocken ist, der steigt am besten auf ein kleines Boot und lässt sich durch diese tatsächlich wunderschöne Landschaft rudern. Gerne auch von einer zierlichen älteren vietnamesischen Dame. Und mit den Füßen.



Wir sind in der südlich von Hanoi gelegene Provinz Ninh Binh. Kegelförmige Berge ragen aus einer feuchten Fluss- und Schwemmlandschaft heraus, oben wie unten ist alles üppig begrünt, es ist wie immer wahnsinnig schwül und es regnet mehrmals am Tag in heftigen Sturzbächen auf uns hinunter.



Wir lassen uns davon aber natürlich nicht die Laune verderben, ganz im Gegenteil – der Regen gehört hier dazu, denn anders wäre diese außergewöhnliche Landschaft ja vermutlich nicht entstanden. Bester Dinge radeln wir zur alten Kaiserstadt. Bevor Hanoi die Hauptstadt wurde, war hier im Mittelalter ca. 50 Jahre die Kapitale. Viel ist davon nicht mehr übrig, das tropische Klima kriegt Gebäude ja schnell klein, tausend Jahre haben hier das Meiste vom Erdboden verschwinden lassen. Wir sehen zwei alte Tempel und deren Tore, bald regnet es aber wieder in Strömen, so dass sich alle Besucher dicht and dicht in den winzigen, dunklen Tempeln mit ihrer Räucherstäbchenluft zusammendrängen und sehnsüchtig nach draußen schauen.



Auf dem Ruder laufen


Die örtlichen Bauern verdienen sich hier ein Zubrot, indem sie Touristen in kleinen Holzbooten durch die friedliche Flusslandschaft mit den karstigen Kegelfelsen rudern. Und sie tun dies auf eine Art, die ich so noch niemals irgendwo anders gesehen habe: Sie rudern mit ihren Füßen.



Die Beinbewegung ähnelt der beim Brustschwimmen, sie sitzen dabei entspannt zurückgelehnt und die Handy bleiben frei. Das ist nützlich, denn so kann man nebenbei einen Regenschirm halten, ein wenig snacken, einen Poncho an- oder ausziehen, am Handy herumspielen oder Fotos von den Touristen machen – das haben wir alles so gesehen.



Einen Wermutstropfen gibt es dann doch noch am Ende der Tour. Nach der schaurig-schönen Durchfahrt durch eine niedrige Tropfsteinhöhle lauern am anderen Ende Verkäuferinnen in Booten. Wir möchten weder Chips noch Cola, was der Dame garnicht gut gefällt. Unsere Bootsführerin macht auch keinerlei Anstalten, nun weiterzufahren und bleibt neben dem Boot der Verkäuferin stehen. Die selbige ködert uns schließlich auf einem anderen Weg: Wir sollten doch unserer Bootsführerin einen Imbiss gönnen. Diese stimmt dem Vorschlag vehement zu. Also erwerben wir zu völlig überzogenen Preisen eine Limo und Kekse, die die Frau am Ruder schnell in einen offensichtlich zu diesem Zweck mitgeführten Eimer überführt. Aber kurz bevor wir wieder an Land gehen, fordert sie dann zusätzlich noch einmal direkt ein Trinkgeld von uns ein. Darauf muss sie dann allerdings verzichten und wir vermuten, dass sie mit ihren Keksen und der Limonade im Anschluss wieder zu der Verkäuferin rudern wird, wo sich beide den astronomischen Kaufpreis teilen werden.


Was dabei so schade ist: Wir hätten unserer Bootsführerin selbstverständlich am Ende der Tour ein Trinkgeld gegeben. Nach der Aktion mit dem Zwangseinkauf und der anschließenden Forderung nach Bargeld fühlen wir uns aber nicht mehr wohl in unserer Haut. Wird den Damen hier so wenig gezahlt, dass sie sich genötigt fühlen, die Touristen unter Druck zu setzen? Unsere Reiseleitung möchte sich hierzu auch nur ausweichend äußern. Es täte ihm leid, die Bootsführer seien allesamt arme Bauern, die es nicht besser wüssten. Wir müssen einfach einsehen, dass wir für manche Menschen hier nur Geldbeutel auf Beinen sind. Wir armen reichen Europäer.


Beste Aussichten


Am späten Nachmittag ersteigen wir in der Schwüle heftig transpirierend einen Aussichtspunkt, der uns erlaubt über weite Teile der Karstlandschaft zu blicken. Wie moosbewachsene Elefantenrücken ragen die Bergkegel aus der Flussebene, bis an den Horizont steigen diese sanft gerundeten Hügel in vielfältigen Variationen auf, während sich im Vordergrund die ganze morbide Romantik von Seerosen und einem langsam verrottenden Freizeitpark entfaltet.



Felsenkegel im Meer: die Ha Long Bucht


Die Inselwelt der Ha Long Bucht verdankt ihre Entstehung den gleichen Prinzipien der Verkarstung wie die Felskegel von Ninh Binh. Allerdings versinkt der Kegelkarst von Ha Long seit mehr als 10.000 Jahren langsam im Meer, Regen und ständig anbrandende Wellen haben dazu noch teilweise gigantische Höhlen aus dem Felsenlabyrinth gefressen.


Man kann hier nun auf gemütlichen Holzbooten zwischen den Inselchen hindurchschippern und die ständig neuen Sichtachsen auf die nun scheinbar im Meer badenden Elefantenrücken genießen. Seeadler umkreisen die Inseln, Möwen und kleine Fische die Boote auf der Suche nach Küchenabfällen, die aus der Kombüse direkt in der Bucht landen.



Wir Fahrgäste (auf dem Boot sind etwa 20 Leute aus sechs Nationen) haben gemütliche kleine Kabinen, werden mehrmals am Tag üppig bewirtet und energisch bespaßt mit allerhand Freizeitangeboten, so dass man kaum dazu kommt, den Blick auf die Landschaft in Ruhe auf sich wirken zu lassen.




Wir besuchen die größte Höhle im Felsenkegel-Labyrinth, die sogenannte Surprise Cave („…because it was a big surprise, when it was found…“), besuchen eine schwimmende Perlenzuchtstation, fahren mit dem Kayak in der Bucht umher, erklettern mit Tausendschaften einen weiteren Aussichtspunkt, wo man vor lauter Menschen keine Aussicht sehen kann, entspannen mit Tausendschaften an einem winzigen Sandstrand, wo man vor lauter Menschen kaum genug freie Sandfläche zum Ablegen finden kann.



Als wir am Abend wieder auf unser Holzboot zurückkehren, genießen wir die himmlische Ruhe hier und saugen kurz die Stimmung bei Sonnenuntergang auf.



Aber dann geht es wieder Schlag auf Schlag: kleiner „Kochkurs“ mit Frühlingsrollen-Falten, Abendessen und danach Karaoke. Und wie! Eine fröhliche Gruppe junger Niederländer animiert im Lauf des Abends so gut wie jeden zum Singen und ich – naja, ich bin am Ende ganz heiser nach ein paar Stunden ekstatischer Performance. Lutz versucht dabei im Dunkeln mit der Hilfe einer Taschenlampe noch Tintenfische zu angeln. Er ist allerdings noch erfolgloser als beim Krebsangeln in Hoi An, denn es beißt nicht ein Tintenfisch an und so muss dann auch zum Glück kein Tier an diesem schönen Abend dran glauben.



Wir verbringen eine kurze aber gemütlich schaukelnde Nacht auf dem kleinen Holzboot und finden es fast ein bisschen schade, am nächsten Tag wieder abreisen zu müssen. Unsere nächste und letzte Etappe in Vietnam steht nun an: Wir fahren in die Hauptstadt, nach Hanoi.



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