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  • Sophie

Notizen von der türkischen Südküste

Busreisen in der Türkei


Bekanntlich wollen wir ja stets mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein, wenn es nur irgendwie geht. Und hier in der Türkei mit den Dolmuş in den Städten und den großen Überlandbusse für weitere Distanzen ist das auch problemlos machbar. Das türkische Busreisenetz verbindet alle Städte, die Busse fahren in hoher Taktung und sind größtenteils ausgesprochen komfortabel.



Jeder Ort hat einen Busbahnhof, der je nach Größe der Stadt eine kleine Ecke mit einem Kartenhäuschen und einer Teeküche sein kann oder auch ein riesiger Bahnhofsbau mit unzähligen Ständen, Fressbuden und Fahrkartenschaltern hunderter Busanbieter. Dazu gehören dann noch Teebuden und Andenkenstände, einmal auch eine Bücherei mit sehr speziellem Lesestoff zur Zerstreuung auf der Busfahrt.



Jedenfalls geht man in den Bahnhof hinein und wird gefragt, wohin man möchte und dann rasch zum passenden Fahrkartenschalter gelotst. Meistens fährt der nächste Bus innerhalb einer halben Stunde ab, daher hat man selten Zeit für mehr als einen Kaffee oder türkischen Tee vor der Abfahrt. Ist auch nicht nötig, denn gerade in den großen Reisebussen gibt es einen Getränkeservice, der während der Fahrt mehrfach Wasser, aber eben auch Tee oder Kaffee an die Fahrgäste ausschenkt. Während der Fahrt werden an den größeren Bahnhöfen dann auch mal längere Stopps gemacht, damit die Fahrgäste dort auf die Toilette gehen können – die fehlt nämlich auch in den größten Reisebussen. Immerhin kann man auf langen Fahrten beim Toilettengang einmal die Beine vertreten, bevor es wieder weitergeht.



Die Sitze sind breit und komfortabel, man könnte sogar Filme und Fernsehserien am kleinen Bildschirm am Vordersitz ansehen, die riesigen Reisebusse gleiten ruhig über die gut ausgebauten Straßen. Man verschüttet also seinen Tee nicht und kommt ziemlich entspannt an sein Ziel, das Ganze zudem zu Friedenspreisen. Unsere meist vierstündigen Fahrten (weil vier Stunden für mich das Limit der Erträglichkeit sind, Komfort hin oder her) kosten meistens 220 Lira pro Person, das sind nur zwölf Euro.


Reibungsverluste


Wir haben also gelernt, dass man auf einer Reise mal Urlaub von Urlaub braucht. Nun lernen wir eine weitere kleine Lektion: wenn man mit Minimalgepäck unterwegs ist und daher ununterbrochen die gleichen Kleidungsstücke trägt, dann nutzen sich diese in erstaunlichem Tempo ab.


Vor allem Socken und Schuhe werden arg in Mitleidenschaft gezogen. Unsere Socken haben ständig Löcher und müssen regelmäßig ausgetauscht werden. Und was die Schuhe angeht: Lutz und ich haben jeweils ein Paar Trekkingschuhe dabei, die wir im Alltag tragen, die aber auch bei jeder Wanderung strapaziert werden. Lutz´ erstes Paar Schuhe gibt bereits in Griechenland den Geist auf: die Nähte öffnen sich, das Material reißt ein. Salewa ist kulant genug, unentgeltlich ein Ersatzpaar per Post nach Griechenland zu schicken. Hut ab!


Meine Jogging-/Trekkingschuhe ereilt ein ähnliches Schicksal, das Material ermüdet und meine Zehen bahnen sich den Weg in die Freiheit. Ich schildere dem Hersteller Asics die Problematik und man zeigt Verständnis – mit dem Schuh. Meine Zehen seien wohl von einer besonderen Freiheitsliebe getrieben, sie bögen sich beim Gehen nach oben und bohrten sich so unablässig durch das Netzmaterial des Schuhs, darauf sei dieser nicht vorbereitet. Ich solle an meiner Lauftechnik arbeiten und in Zukunft ein anderes Modell wählen. Nichtsdestotrotz bekomme ich den Kaufpreis erstattet (die Schuhe haben gerade einmal drei Monate Reise unbeschadet überstanden).



Ich mag mich aber noch nicht trennen und lasse meine Schuhe auf Kreta reparieren: die Löcher im Obermaterial werden gestopft, darunter werden schwarze Stoffflicken eingenäht, um meine wilden Zehen im Zaum zu halten. Leider haben diese Flicken aber die Eigenschaft, meine Socken und Füße bei Wanderungen schwarz einzufärben. Diese Farbe lagert sich zudem in der Haut ein und lässt sich nicht abwaschen. So mischt sich in die Freude über meine geflickten und damit geretteten Schuhe das unangenehme Gefühl, in Sandalen nun auch immer meine schwarzen Zehen der Welt zu präsentieren.



Auf den Wanderwegen der Südtürkei machen meine gebeutelten Schuhe dann gänzlich schlapp. Neben den geflickten Stellen reißt der Stoff erneut großflächig auf, zusätzlich färben die schwarzen Flicken nun auch noch den sichtbaren Netzstoff außen, es lässt sich also nicht mehr leugnen: ich brauche einen Ersatz. Also kaufe ich in Antalya ein paar günstige neue Laufschuhe und verabschiede mich etwas traurig von meinen treuen Begleitern der letzten sechs Monate.



Überall Zeugen der Antike


Die Antike, sie springt einen hier auf Schritt und Tritt an. Kaum ein Land hat so viele UNESCO Weltkulturerbe-Stätten wie die Türkei, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass sie für die Mittelmeerkulturen immer im Zentrum des Geschehens lag. So gut wie jedes antike Großreich in Ost und West durfte hier seinen Stempel und seine Bauten hinterlassen und auf unserer Reise an der Küste von West nach Ost liegen die antiken Stätten wie an einer Perlenkette aufgereiht. Es sind so viele, dass nicht einmal wir alle besuchen können, selbst Welterbestätten wie Xanthos überspringen wir nonchalant, um uns die Orte herauszupicken, die auf unserer Route am besten zu erreichen sind.


Kaunos

Kaunos bei Dalyan zum Beispiel: hier reicht eine kleine Bootsfahrt über den Fluss und man steht vor den alten lykischen Felsgräbern (passenderweise liegt darunter auch ein moderner Friedhof). Wenige Meter weiter kann man durch die antike Stadt schlendern, die ein ähnliches Schicksal ereilte wie Ephesus: sie versumpfte und wurde so zu einem Paradies für Steckmücken. Die Einwohner erkrankten letztlich allesamt an Malaria, so dass die antiken Autoren schon schrieben, dass hier alle gelbe Haut und gelbe Augen hätten – eine von der Malaria ausgelöste Gelbsucht.



Kaş

In der Innenstadt von Kaş geht man heute pragmatisch mit den antiken Überbleibseln um: lykische Grabmonumente schmücken die Straßen und Kreisverkehre oder stehen auch mal nur einfach so in der Gegend herum. Es ist ganz klar, dass unter der modernen Stadt die antike Hafenstadt liegt. Aber man kann ja auch nicht jeden alten Stein zum Denkmal erklären, sonst könnte man hier nichts mehr Neues bauen. Die Küste ist fest in der Hand des Tourismus, da schaut man lieber nicht zu genau hin bei den Hotelbauprojekten. Im Landesinneren dürfen die Ruinen aber in Frieden überdauern.



Demre

In Demre lebt man heute zur Abwechslung nicht vom Tourismus, sondern von der Landwirtschaft, das aber im ganz großen Stil. Rings um die gesichtslose Stadt breiten sich kilometerweit Gewächshäuser aus. Hier wachsen Gurken, Tomaten, Salat und Obst in riesigen Mengen. Für Lutz wird der Aufenthalt damit zum Alptraum, denn seine Pollenallergie spielt inmitten all dieser Gewächshäuser völlig verrückt.


Ferienhäuser werden in Demre inmitten der Gewächshäuser gebaut. Wir wohnen selbst in einem ähnlichen Haus und verstehen den Reiz leider nicht.

Aber auch unter Demre liegt die Antike verborgen. Was freigelegt wurde ist bereits ziemlich beeindruckend. Am Rand der Gewächshauser, eng an einem mit lykischen Gräbern gespicktem Hang, steht heute noch ein ausgesprochen gut erhaltenes Theater, drumherum Bruchstücke der früheren aus Stein gehauenen Dekoration, Masken und Blumengirlanden.



Früher hieß der Ort Myra und im 4. Jahrhundert war Nikolaus hier Bischof (ja genau der Nikolaus, der heute Geschenke in Stiefel stopft). Die Basilika, in der er beerdigt lag, kann man heute wieder besichtigen, was offensichtlich vor allem für Anhänger der russisch-orthodoxen Kirche ein Muss ist. Italienische Kaufleute sollen allerdings seine heiligen Gebeine schon im 11. Jahrhundert nach Bari geschafft haben, wonach man den armen Nikolaus in kleinen Stückchen in Europa verteilt hat. Eine Hand ging in die Schweiz, ein paar Fingerknochen nach Deutschland, weitere Stückchen wurden erst kürzlich dem Metropoliten von Minsk geschenkt. Der gute Nikolaus kommt rum, und nicht nur auf unseren Türschwellen am 6. Dezember.


Ein hartes Pflaster für den Wanderer


Wir wollen auch herumkommen, aber eben nicht immer nur mit dem Bus, sondern auch mal wieder zu Fuß. Nach unseren gescheiterten Wanderungen bei Bodrum starten wir neue Versuche entlang der Südküste – mit schwankendem Erfolg.


Rund um Dalyan gibt es ein großes Netz an Wander- und Radwegen, den Ecotrails, die von ihrer Idee her ganz großartig sind, in der Umsetzung aber manchmal etwas schwierig. Meine erste Wanderung rund um Dalyan wird ein Erfolg, sie führt mich über den Fluss und am antiken Kaunos vorbei, dann steige ich hinauf in die Hügel, wo ich an einem netten Stand mit Gözleme (herzhaft gefüllten Pfannkuchen) und Granatapfelsaft verköstigt werde.


Nach vier Stunden komme ich am Ziel meiner Tour an, einem Strand, der direkt gegenüber vom Iztuzu-Schildkrötenstrand liegt. Und hier stelle ich fest, dass die im Wegenetz eingezeichnete Linie, die einen durchgehenden Wanderweg anzeigt, wohl etwas zu wohlwollend über die Bucht gezogen wurde, die mich nun vom Iztuzu Beach trennt. Hier wurde mal eben die etwa 100 Meter breite Flussmündung unterschlagen, durch die die Ausflugs- und Schnellboote von Dalyan aufs Meer hinausfahren. Zu Fuß komme ich nicht weiter. Kurz überlege ich, ob ich die Schuhe ausziehen, und sie im Rucksack eingepackt mit meinem Handy beim Durchschwimmen der Engstelle über meinen Kopf halten soll. Die Schnellboote überzeugen mich davon, diesen Versuch nicht zu wagen. Als ich darüber nachdenke, die vier Stunden wieder zurück zu laufen, nähert sich ein weiteres Schnellboot und ich versuche mein Glück und rufe ihm hinterher, und tatsächlich: drei nette türkische Jugendliche auf Bootstour setzen mich in einer Minute über auf die andere Seite. Herrlich – vom Iztuzu-Strand kann ich mit dem Dolmuş zurück nach Dalyan und habe folglich einige Stunden Beach time gewonnen.



Mit Lutz geht es dann ein paar Tage später über einen kleinen Berg südlich des Strandes und am Meer entlang bis in eine kleine Badebucht. Knapp sieben Kilometer, wir rechnen mit etwa zwei Stunden, und sind sehr erheitert über die ungewöhnliche Darstellung des Männchens auf dem Wanderschild, das schwitzend auf allen vieren kriecht. Soll wohl darstellen, dass es hier auch ein paar Höhenmeter zu bewältigen gibt, das kann uns ja nicht schrecken.



In den folgenden fünf Stunden begeben wir uns dann Schritt für Schritt in die Welt des Männchens vom Schild und können immer besser nachvollziehen, wie es ihm ergangen ist. Der Wanderweg besteht an sich nur aus rot-weißen Farbmarkierungen, die ein eifriger Maler einigermaßen beliebig auf einem wild bewachsenen Felsenhang verteilt hat. Ein Weg im eigentlichen Sinn ist nirgendwo zu finden, statt dessen: Steine, Wurzeln, Gestrüpp und Geröll. Dann geht es steil nach oben, später steil nach unten, wären hier keine Farbmarkierungen, dann würde den Wanderhang nichts unterscheiden von den wilden überwucherten Felsen um uns herum. Nach dem Abstieg geht es in eine Senke, in der uns die Markierung in einen ausgetrockneten Bachlauf voller Geröll und umgestürzter Bäume führt, mal klettert man darüber, mal drückt man sich darunter hindurch.



Auf dieser Durchschlageübung wird uns intensiv bewusst, was für eine schöne Sache ein tatsächlicher Wanderweg doch ist. Im weglosen Gelände (rot-weiße Farbtupfer hin oder her) sind wir so unendlich langsam unterwegs, dass wir bei Ankunft in der kleinen Bucht völlig fertig sind, es schon langsam dunkel wird, und wir froh sind, dass wir noch jemanden finden, der uns hier abholt und zurück nach Dalyan bringt.


Der lykische Weg

Fernwanderwege gibt es auch an der türkischen Südküste, besonders bekannt ist der Lykische Weg. Auf diesem wandern wir eine tatsächlich sehr gelungene Etappe in der Nähe von Kaş, hier bringt uns der Weg zu den Ruinen der alten Stadt Phellos, deren Hafen der Vorgänger von Kaş einmal war. Der Abstieg nach Kaş ist fantastisch, steil geht es von einem Felsplateau hinunter an die Küste – dieser lykische Weg scheint Hand und Fuß zu haben.



Einen kurzen Abstecher auf den Weg machen wir noch einmal etwas weiter im Osten, nun in der Nähe von Kemer, einer gruseligen Hochburg des osteuropäischen Massentourismus. Es geht hinein in einen nahe gelegenen Canyon (Göynük Canyon). Der Weg dorthin ist staubig und heiß, für den Canyon selbst muss man dann noch Eintritt bezahlen, aber dort drinnen ist es dann einfach nur wundervoll.



Wir sind am Wochenende da und viele türkische Familien sind zum Picknicken und Entspannen hergekommen. Bei 35 Grad und der unbarmherzigen Sonne, die uns schon seit Stunden auf den Schädel brennt, sind wir unendlich dankbar für den frischen, klaren Gebirgsbach, der durch den Canyon fließt. Den Rest des Tages verbringen wir selig mit Baden im Fluss und verlassen diesen paradiesischen Ort erst kurz vor Dämmerung wieder, um noch bei Licht zügig aus dem Canyon hinauszumarschieren.


Da sind wir nebenbei bemerkt, wie meist in der Türkei die Einzigen. Alle anderen haben ihre Fahrzeuge direkt am Eingang des Canyons geparkt. Niemand läuft hier bei der Hitze freiwillig auch nur einen Meter zu viel.


...egal, wir laufen nach Hause.

Ein Roller muss her!


Und hin und wieder sehen wir es auch ein: manchmal geht es zu Fuß nicht weiter und auch öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht immer überall hin. Wir entdecken kleine Roller als das Fortbewegungsmittel der Wahl: sie verbrauchen wenig Sprit, können günstig gemietet werden, wir passen zu zweit gerade eben so drauf, kommen flott überall hin und die Helme sind ein ständiger Garant für Heiterkeit. Vom Reiterhelm über den mobilen Liebesboten bis hin zum Wehrmachts-Verschnitt ist alles dabei.



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