Suche
  • Sophie

Rom Teil 1

Pracht und Krach


Rom, wunderschönes, uraltes Rom, jeder Meter Boden ist hier historisch. Hier wandelte er, der Latiner, der Sabiner, der Etrusker, der Römer natürlich, zwischenzeitlich so allerhand Goten und Vandalen, Langobarden und Normannen, ein Haufen christlicher Heiliger, Päpste und Märtyrer, Pilger ohne Ende, Royalisten, Faschisten, Republikaner und letzten Endes Touristen, überall Touristen – wir ja auch.



Wo man geht und steht überlagern sich die Jahrhunderte, baut jeder auf die Ruinen des Vorgängers, es entsteht eine historische Schichttorte, verwinkelt und verwickelt, viel zu verzwickt die Bauabschnitte auseinanderzuhalten. Ist der Türsturz hier am Eingang nicht ein Teil einer römischen Inschrift? In der Wand im Fitnessstudio taucht nebenbei eine kleine antike Säule auf. Die Treppe zur Wohnungstür sieht verdächtig nach städtischem Bordstein aus. Und wo hat die Stadt eigentlich ihre steinernen Bordsteine her? Vermutlich, wie die meisten, vom Forum Romanum, hier wurde jahrhundertelang geplündert und überbaut.



In Rom lebt man in und mit der Geschichte. Ehrfürchtiger Schutz der alten Monumente durch Abstand und Kontemplation, das fällt hier keinem ein. Römische Bäder oder Tempel werden bis heute als Kirchen genutzt, was sie glücklicherweise ja auch vor Plünderungen geschützt hat. Die Via Appia Antica, also die römische Ausfallstraße aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert, wird munter befahren, auch wenn der ortstypische Smart schon ordentlich über die antiken Pflastersteine holpert. Zu Fuß zu laufen ist des Römers Sache aber nun wirklich nicht.


Wie kommt man also von A nach B?


Der ÖPNV hat es schwer in Rom. Es gibt immerhin mittlerweile drei U-Bahnlinien, aber im Kern der Altstadt gibt es keine Haltestellen und von einer Linie auf die andere umsteigen geht nur am Hauptbahnhof. Verständlich, wenn man hier irgendwo im Boden gräbt, befindet man sich sofort in einer archäologischen Ausgrabung, daher geht es nicht voran mit dem U-Bahnbau. In der Innenstadt sind daher hauptsächlich Busse unterwegs, für Neulinge ist das Bussystem allerdings auf den ersten Blick etwas verwirrend.


Nachdem wir zu Fuß von der Innenstadt 1,5 Stunden zur Via Appia und dort noch einmal 2 Stunden herumgelaufen waren inklusive Abstieg in die christlichen Katakomben, waren Lutz und ich etwas laufmüde und wollten mit dem Bus zurück. An der Haltestelle gab es keinen Ticket-Automaten, auch nicht im Bus und beim Fahrer konnte man auch kein Ticket kaufen. Mit etwas schlechtem Gewissen stiegen wir trotzdem ein, heilfroh, nicht noch einmal die stark befahrenen Straßen ohne Gehweg entlang laufen zu müssen. Denn wie gesagt, der Römer geht nicht gerne zu Fuß, falls es einen gibt ist der Gehweg daher fast überall in der Stadt so schmal gehalten, dass maximal eine Person dort laufen kann. Kommt einem jemand entgegen, muss man auf die Straße ausweichen und dort gilt: viel Glück!


Leben und leben lassen


Das ist wirklich eine sehr angenehme Mentalität, finde ich. Im römischen Straßenverkehr zeigt sich allerdings auch ihre dunkle Seite. Ein jeder fährt zumeist so schnell er möchte, oder mit seinem Fahrzeug technisch realisieren kann, wobei man auch mit einem E-Roller bergab durchaus beachtliche Geschwindigkeiten erreicht. Wie viele Spuren eine Straße hat ergibt sich aus der Breite der sie nutzenden Fahrzeuge. Ampelphasen und Zebrastreifen sind als Empfehlungen zu begreifen. Parken geht selbstverständlich überall – habe ich schon erwähnt, dass die Römer nicht gerne zu Fuß laufen? Natürlich wird viel gehupt und zu Auffahrunfällen kommt es auch ständig. Zwei davon haben wir in einer Woche, die wir in Rom sind, schon miterlebt. Man hört es scheppern – ah, hier neben einem an der Ampel ist Person B, die gerade am Telefonieren war, Person A von hinten aufgefahren. Gut, man steigt aus, schaut sich die Sache an. Beide Autos sind bereits vorne und hinten wild verbeult, es ist sicher nicht das erste Mal, also kein Grund zur Aufregung wegen so einer Lappalie.


Vermutlich läuft es aber auch nicht immer so glimpflich ab, denn der prägnanteste Klang der Stadt ist die Sirene von Polizeiautos und Krankenwagen. Es fährt immer irgendwo ein Einsatzfahrzeug entlang, die Sirene schallt durch die engen Straßen, die Wagen stecken fest im dichten Verkehr, die Sirene läuft weiter und weiter. Als wir auf die Kuppel des Petersdoms stiegen und draußen, auf der Laterne, auf die Stadt hinabblickten, was hörten wir? Sirenen, überall Sirenen. Das ist der Soundtrack von Rom. Pracht und Krach, sie gehören untrennbar zusammen in diesem historischen Moloch von einer Stadt, wo antike Geschichte und heutiges Leben aufeinanderprallen und um den knappen Raum wetteifern.



58 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Goodbye, Lutz!

Hanoi