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  • Sophie

Rom Teil 2

2000 Jahre bestatten


In einer Stadt, in der seit weit über 2000 Jahren zahlreiche Menschen leben, wird auch rege gestorben. Nun ist der Raum für die Lebenden schon knapp, wohin also mit den Toten? Bei den Römern galt bald schon: Bitte nur außerhalb der Stadtmauer. Daher ziehen sich an den alten Römerstraßen die Mausoleen entlang, dicht an dicht stehen die aufgemauerten kleinen und großen Grabmäler, die Spannbreite reicht von übersichtlichen Stelen über begehbare gemauerte Kammern hin zu gigantomanischen Monumenten für Einzelpersonen, je nach Geldbeutel.



Die ersten Christen, die als merkwürdige Menschenfressersekte (die gemeinsam regelmäßig den Leib und das Blut ihres Glaubensstifters konsumierten) von den Römern mit Argwohn betrachtet und gelegentlich bei passenden Gelegenheiten wie nach Großbränden in der Stadt verfolgt wurden, beerdigten dagegen jahrhundertelang in unterirdischen Katakomben.


Bei Calixtus und seiner heiligen Entourage


Wir haben die Calixtus Katakomben nahe der Via Appia besucht, die ca. zwischen den Jahren 200 und 500 genutzt wurden. Oberirdisch ist hier ein hübscher Park, der von unglaublich freundlichen Salesianern bewohnt wird, diese netten Herren machen dann auch die Führungen durch das unterirdische Labyrinth der Katakomben.


Fünfzehn Hektar Land, teilweise bis zu 5 Stockwerke tief ist es komplett von unterirdischen Tunneln durchzogen mit ca. 20 km an Gängen und schätzungsweise 500.000 Bestattungen. Eine halbe Million! Man mag es kaum glauben, wenn man dann aber durch das Gängelabyrinth läuft und feststellt, dass man sich nur in einem von fünf Stockwerken bewegt, hier aber schon in dichten Reihen an den Wänden eine Grabnische über der anderen in die Wand gehauen ist und dann führen weitere Tunnel in Kammern voller Gräber und zu weiteren, kleineren Gängen voller Gräber, die hier auch Kolumbarien, also Taubenschläge, genannt werden, dann glaubt man es langsam schon. Und ist froh, dass der liebenswerte Pater einen durch diesen subterranen Irrgarten leitet – hier möchte man nicht verloren gehen.


Zwar finden sich (fast) keine Knochen mehr in den Gräbern und teilweise sind die Wandmalereien auch recht hübsch, aber das Klima ist nasskalt und ohne das elektrische Licht wäre es wohl auch völlig finster. Zu Zeiten der ursprünglichen Nutzung, mit einer kleinen Öllampe in der Hand durch die schlecht belüfteten Gänge voller vermutlich nicht immer ganz dicht verschlossener Wandnischen mit verwesenden Toten zu laufen, das war wahrscheinlich eine wenig besinnliche Erfahrung.


Zu den Bildern: Hier durfte man nicht fotografieren, daher sind das Bilder von WikiCommons aus der Domitilla-Katakombe (oben) und der Calixtus-Katakombe (unten).

Dennoch darf man stolz verzeichnen: Hier lagen mindestens 100 Märtyrer und 16 Päpste. Deren Gebeine wurde allerdings nach mehreren Plünderungen durch wilde Ostgoten und Langobarden über die zahlreichen Kirchen Roms verteilt. Zum einen wollte man sie vor weiteren Überfällen schützen, zum anderen war auch schon ein florierender Handel mit den heiligen Überresten entstanden. Und für einen geschäftstüchtigen Reliquienhändler waren am Ende alle Gebeine aus den Katakomben heilig. Bei allein 500.000 Bestattungen bei Calixtus kommt da schon ordentlich was zusammen, und dann gibt es in Rom noch mindestens 60 weitere Katakomben. Also kein Wunder, dass es in den Kirchen so einen reichen Fundus an Knochen allerhand heiliger Märtyrer gibt.


Das Petrusgrab


Im Vatikan hatten wir die besondere Freude, eine Führung zur mittlerweile unterirdischen Nekropole unter dem Petersdom machen zu können. Unser Guide war Matthias, ein Ex-Schweizergardist, der selbst nach 12 Jahren in päpstlichen Diensten der geballten Heiligkeit um ihn herum mit etwas ironischen Abstand begegnete. Hatte der herzensgute Pater in der Calixtus-Katakombe noch zu Abschluss der Führung für uns gebetet, so ging es nun bei St. Peter deutlich prosaischer zu. Matthias wühlte sich mit und für uns durch ca. 1600 Jahre Baugeschichte. Am Anfang war noch alles einfach: ein Hügel (der Vatikan), ein Circus (wie wir lernen noch nicht archäologisch nachgewiesen), eine Kreuzigung darin (Petrus, ca. 64 nach Christus, über Kopf), ein Grab (eigentlich nur eine Mulde im Boden, über die Ziegel in Dachform gelegt wurden). Darum herum eine ausgedehnte römische Nekropole entlang der ehemaligen Via Cornelia mit vielen prächtig ausgeschmückten Mausoleen.


Und die durften wir sehen, direkt unter dem Fußboden des Petersdoms reiht sich hier ein prächtiger Bau an den anderen, mit Marmorböden und farbenfroher Malerei mit sehr weltlichen Motiven von Trinkgelagen, Wagenrennen, Festen. Dazu Sarkophage mit mythologischen Szenen und fröhliche Inschriften. Teilweise wohl etwas zu fröhlich, denn als man bei den Grabungen in den 1950er Jahren direkt neben dem Altar nach unten grub, stieß man auf eine antike Grabplatte, die unter anderem darauf hinwies, man solle sein Leben genießen, reichlich trinken und vor allem den jungen Damen doch den erwünschten Beischlaf nicht verweigern. Diese Grabplatte hat den Vatikan und damit die unmittelbare Nachbarschaft des Petersgrabs verlassen und ist nun angeblich in einem amerikanischen Museum zu bewundern – das ist zumindest die Geschichte, die unser lieber Ex- Schweizergardist erzählte.


Plan der Nekropole unter dem Petersdom (Pietro Zander; Fabbrica di San Pietro (Hrsg.): The Necropolis under St. Peter's Basilica in the Vatican.2010) - Die 1 bzw. das P bezeichnet das Petrusgrab, von A-S verlaufen die römischen Mausoleen.

Frühe Christen hatten jedenfalls in diesem Teil der Nekropole das Grab Petrus vermutet und eine kleine Mauer mit Nischen gebaut, nichts Spektakuläres, darauf einige Graffiti, die in die Wand geritzt worden waren, von Generationen von Besuchern in einer Schicht über der anderen. Wer da wollte, der las „Hier liegt Peter“. Tatsächlich fand man in den 1950er Jahren in diesem Grab eine bunte Mischung aus Knochen von zwei Männern, einer Frau, einem Schwein, einem Hahn und einem Pferd. In einer der Wandnischen wurde dann noch etwas überzeugenderes gefunden: die Knochen eines Mannes zwischen 60 und 70 und etwas rotes und goldenes Textil, folglich also ein Ehrengewand. Dazu übrigens auch noch das vollständige Skelett einer kleinen Maus.


Im Jahr 324 baut hier dann Kaiser Konstantin eine erste Basilika direkt über dieser Ziegelmauer und die bauliche Verwirrung nimmt ihren Anfang. Zum einen wird dabei der Vatikanhügel begradigt, also werden einige Mausoleen abrasiert während andere mit dem Bauschutt aufgefüllt werden, um als Fundament zu dienen. Zum anderen wird das vermeintliche Petrusgrab erneut eingehaust, dieses Mal alles etwas dekorativer inklusive Marmor und Ziborium. Die Basilika steht dann über Grab, Mauer und Einhausung, die Nekropole ist verschüttet.


Nachdem fast 1200 Jahre zu dieser ersten Kirche gepilgert worden war, beschloss der damalige Papst, es sei langsam Zeit für einen Neubau, der, da mitfinanziert vom Ablasshandel, einen guten Teil zur Reformationsbewegung beitrug. Letzten Endes wurde es ein etwas längeres Bauprojekt, man kennt das ja. Angefangen in 1503, wurde man schließlich in 1626 fertig, seitdem steht der Bau quasi unverändert, und das sogenannte Petrusgrab? Das ist nun fast zur Unkenntlichkeit eingebaut, hinter einem Mosaik und tonnenweise Marmor verborgen unter dem Altar und dem tonnenschweren Bernini Bronze-Baldachin, mit echter Bronze aus dem Vordach des Pantheon übrigens, also mal wieder Erste Sahne Antiken-Recycling.


Der handelsübliche Gläubige darf dort nicht hinabsteigen, aber die Führung bringt uns eben noch ein Stück unter diese gesamten Bauschichten und mit langen Stielaugen und wenn man so halb um die Ecke schaut, dann kann man ein rotes Lämpchen erahnen, das an dem Ort installiert wurde, wo man seit jeher das Grab Peters vermutet. Was ich schön finde: nicht nur die Gebeine des älteren Herren wurden hier wieder abgelegt, auch das Skelett der Maus darf dem vermeintlichen Petrus weiterhin Gesellschaft leisten. Im Kreis um diese bescheidene Grablege dann: zahllose Päpste in Marmorsarkophagen, einer prunkvoller als der andere. Aber die Begleitung einer Maus, die hat hier nur einer.


Und heute?


In Rom leben heute 2,8 Millionen Menschen, also wird noch mehr gestorben als jemals zuvor. Um die Tour zu den Nekropolen der Stadt angemessen zu beenden, haben wir uns auf Roms größten aktuellen Friedhof, dem Campo Verano, angesehen wie das bestatten heute von Statten geht. Um mich kurz zu fassen: kein bisschen anders als früher.



Wie schon in der Antike wird grundsätzlich oberirdisch bestattet, wer es sich leisten kann erbaut seinen lieben Verwandten monumentale Mausoleen, die an antike Tempel erinnern. Und dann geht es je nach Geldbeutel folgendermaßen weiter: Riesenmausoleum – Begräbnistempelchen – Familiengrab in Häuschenform – Familiengrab im Freien mit eigener Parzelle – Nischengrab in Begräbniswand (3-4m hoch) – Nischengrab in Begräbniswand mit Leiterzugang (5-10m hoch) – Nischengrab in Mehrparteienhaus – Nischengrab in Toten-Mietskaserne. Letztere mit dem Charme der Sowjetunion anno 1960. Vier, fünf eigenartig fensterlose Stockwerke, angelaufener Beton, ein enger Aufzug, lange dunkle Gänge und gespenstische Ruhe.



Was sich hier aber keiner nehmen lässt: ein Bild der Verstorbenen gehört einfach dazu. Von der Monumentalstatue (gerne auch entkleidet, nach griechisch-römischer Sitte wie zum Symposion halb liegend) über Büsten zu Gemälden und später Fotografien, meist in schwarz-weiß, die aktuelleren auch mal bunt und mit fröhlichen Photoshop-Effekten (der Onkel in den Dolomiten, die er so geliebt hat, oder gerne auch mal am Strand). Wohin man blickt, die Toten schauen einen an und man bekommt einen überraschend lebendigen Eindruck von diesen Personen, die vor wenigen Jahrzehnten selbst noch durch diese Straßen gelaufen sind.



Ja, Straßen, denn der Friedhof ist riesig und hat ein Straßennetz mit Beschilderung. Keine Ampeln, aber Kreisverkehre. Und eine Buslinie mit Haltestellen, die die wichtigsten Punkte anfährt. Das alte Mütterchen muss also nicht noch 4 km zum Grab des Gatten über den Friedhof laufen, sie kann das Shuttle nehmen. Mit dem eigenen Auto darf man den Friedhof auch befahren, man verirrt sich nur sehr schnell, zumindest in den Vierteln mit den Begräbnishochhäusern. Wie auch in Welt der Lebenden bieten die Glasscherbenviertel der Toten wenig Wiedererkennungswert, sieht ein grauer Betonkasten aus wie der andere.


Also ist wirklich alles beim Alten: die Christen bestatten noch heute wie damals quasi in Kolumbarien, nur liegen diese mittlerweile in oberirdischen Betonbunkern. Wer mehr Geld hat, der baut seiner Familie ein Häuschen, momentan sind hier schlichte Betonbauten mit großen Glasfronten der Renner. Etwas größer, und es könnten auch Ferienhäuser sein. Und je nach Geschmack und finanzieller Ausstattung setzt man dann eben noch ein paar Säulen davor und einen feschen Portikus, et voilá, das sind dann 2000 Jahre äußerst lebendige Bestattungstradition.




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