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  • Sophie

Rom Teil 3

Joggen am Tiber


In der Früh gehe ich joggen am Tiber, da ist man mitten in der Stadt und doch weit entfernt vom Autochaos und Gehupe auf der mehrere Meter höher gelegenen Uferstraße.


Ich laufe am breit ausgebauten Tiberufer entlang, außer mir sind hier auf der Altstadtseite nur Möwen unterwegs, die in üblicher Manier Abfälle aus den öffentlichen Mülleimern zerren und an einem ruhigen Ort ganze Müllsäcke zerfleddern und deren Inhalt großflächig verteilen. Das Gleiche durften wir auch schon am Forum Romanum beobachten. Ein besonders aufgewecktes Paar hatte dort den gesamten Inhalt eines Mülleimers unter großem Geschrei gleichmäßig über antike Statuen, Mauern und Säulenreste verteilt, das Ganze in bester Möwenhöhe, also etwa 5m über Fußgängerniveau. Beim Anblick von Plastiktüten, leeren Pizzakartons und Masken überall in den Ruinen hatte ich zuvor die bösen anderen Touristen in der Verdacht gehabt, die gedankenlos ihre Abfälle über uralte Tempel und Basiliken verteilten. Damit waren sie also rehabilitiert und die römischen Möwen als die wahren Bösewichte entlarvt.


Unter den zahlreichen Tiberbrücken stehen auf der Altstadtseite zudem Zelte, in denen Obdachlose in zentraler Lage und perfekter Anbindung untergekommen sind. Rom kann sicherlich ein hartes Pflaster sein. Rund um alle Sehenswürdigkeiten wird man angesprochen von diversen Verkäufern touristischer Notwendigkeiten (Wasser, Powerbanks, Selfie-Sticks, Rosen), Armbändchen-Verschenkern (ok, geschenkt ist das Armbändchen immer nur bevor man es am Handgelenk hat, danach ist eine Spende dann doch mehr als willkommen und wird vehement eingefordert) und netten Herren, die einem das Ticketsystem der jeweiligen Stätte gerne ausführlich erklären wollen, vermutlich ebenfalls gegen einen Obolus. Vor allem rund um das Kolosseum und auf der Engelsbrücke muss man ein bisschen blind und ein bisschen taub sein, wenn man nicht nach wenigen Metern schon 30 neue Freunde haben möchte.


Aber in der Früh liegt das Tiberufer friedlich in der Morgensonne und ich kann laufen ohne Unterbrechung, erst an der Altstadtseite hoch, dann über eine der vielen Brücken hinüber und dann auf der Vatikanseite wieder zurück. Hier befindet sich auch ein Radweg und mir kommen ein paar Radfahrer und andere Jogger entgegen. Beim Laufen kann ich mir einbilden, ich wäre Römerin und das wäre mein übliches Sportprogramm am Morgen, beschwingt unter den Brücken hindurch, immer mit Blick auf die Häuser, Paläste, die Engelsburg, den Petersdom. Das ist einer der Momente, in denen mir klar wird, was für ein Privileg diese Reise ist, eine Reise, auf der wir uns so viel Zeit für einen Ort nehmen können, wie wir möchten und dadurch eben auch Zeit für so alltägliche Dinge haben wie morgens zusammen mit vielen anderen am Tiber joggen zu gehen.



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