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  • Sophie

Steine und Meer Teil 4

Der zweite Teil der Runde über den Peloponnes


Die Mani


Als ich gerade zwei Jahre alt war, fuhren meine Eltern mit mir nach Griechenland, genauer auf den Peloponnes. Ich wurde durch Mykene getragen, durfte in alten Festungen umherwackeln und an den schönen Stränden der Mani mit Sand und Kieselsteinchen spielen.


Die Mani, der Mittelfinger der Peloponnes-Hand, ist schon wieder so ein griechisches Paradies. Da es bis 1960 keine ordentliche Straße auf die Mani gab, fährt man auch heute noch durch kleinste Dörfer mit alten Steinhäusern und entlang etlicher Meeresbuchten, eine schöner, blauer und badefreundlicher als die andere. Im Februar ist natürlich alles wieder maximal verschlafen, hier ist absolut nichts los, und das ist genau das, was wir suchen.


Denn nach all der Kultur der vergangenen Tage brauchen wir tatsächlich mal eine Pause von den alten Steinen und wollen einfach nur entspannen. Der Zauber der Nebensaison ermöglicht uns eine günstige und schöne Bleibe am Meer, in den Orten sind kaum Menschen unterwegs und noch weniger Touristen, man geht in die eine Taverne, die offen hat, joggt kilometerweit am Meer entlang oder wandert durch das bergige Hinterland und das ist alles.



In alten Zeiten ging es auf der Mani nicht vergleichbar entspannt zu, denn die alten Steintürme, in denen die Manioten wohnten, waren offensichtlich notwendig, um sich zu verschanzen. Entweder wollten einem Piraten an den Kragen oder man war selber Pirat oder man befand sich in einer Blutfehde mit dem Nachbarclan. Das war dann wirklich kein Spaß, denn die Fehde endete erst, wenn die verfeindete Sippe entweder vollständig ausgelöscht oder aus dem Ort vertrieben war. Mittlerweile vertreibt die wirtschaftliche Situation die jungen Manioten, alles zieht in die Städte und die Dörfer mit ihren Türmen stehen zu großen Teilen leer.



Als wir langsam wieder etwas umtriebiger werden, erkunden wir die Höhle von Pirgos Dirou, eine Tropfsteinhöhle mit direktem Meerzugang. Man kann nicht wie sonst mit dem Bötchen hineinfahren, was wir etwas bedauern, dafür sind wir aber mal wieder ganz alleine und dürfen unbeaufsichtigt durch die Höhle streifen.



Um uns landwirtschaftlich weiterzubilden, besuchen wir dann noch das Olivenmuseum in Sparta. Wir lernen, wie man Olivenöl presst und dass man es für quasi jede denkbare Anwendung am und im Körper nutzen kann (essen, trinken, einreiben, waschen, segnen und salben). Um unser neues Wissen am Pilion anzuwenden, ist es allerdings leider etwas zu spät. Zwar stehen auf dem Grundstück an die 150 herrliche Olivenbäume, die Olivenernte ist aber schon im Dezember und Januar gelaufen, also ist erst einmal kein Material für das mit eigener Hand Kaltgepresste zu beschaffen.


Ansonsten hat uns Sparta nur wenig zu bieten. In der Antike war Sparta bekanntlich eine Hausnummer, und gerade die Athener hatten ihre liebe Mühe mit den militanten Spartanern, die nach fast 30 Jahren Krieg im Jahr 404 v. Chr. in Athen einmarschierten und das sogenannte „goldene Zeitalter der attischen Demokratie“ beendeten. Weil in diesen Krieg ein Großteil der griechischen Stadtstaaten involviert, und alle Reserven bis aufs Letzte erschöpft wurden, hatte es der makedonische König Philipp im Anschluss relativ leicht, sich ganz Griechenland unter den Nagel zu reißen. Sein Sohn Alexander wollte dann bekanntlich gleich die ganze Welt, aber ich schweife ab.


In Sparta findet man heute jedenfalls kaum eindrucksvolle Ruinen, denn die militarisierte spartanische Gesellschaft hatte wenig Interesse an Kunst und Kultur. Stattdessen erlebten wir Sparta als eine auf dem Reißbrett geplante, gänzlich reizlose moderne Kleinstadt und, wie üblich, wieder völlig verschlafen. Wir essen Gyros und reisen ab.



Olympia


Wir wollen doch nur spielen


Spiele – das war im antiken Griechenland ein recht umfassender Begriff für allerhand mannhaften Wettstreit. Wir kennen heute natürlich die olympischen Spiele, die modernen, um genau zu sein. Die antiken Spiele waren in vielerlei Hinsicht anders als die aktuellen Wettkämpfe, denn im Grundsatz waren die Spiele eine kultische Veranstaltung zu Ehren des olympischen Zeus, also des Blitze-schleudernden Göttervaters im antiken Pantheon.


Man opferte ihm hundert Ochsen und verbrannte ihr Fleisch auf einem riesigen Altar, der aus der Asche der in den Vorjahren geopferten Ochsen bestand. Und neben dem riesigen Zeustempel soll es (wieder laut unserem Reiseblogger des 2. Jahrhunderts, Pausanias) insgesamt 69 Tempel gegeben haben, daneben erscheint die Anzahl der sportlichen Anlagen eher bescheiden. Die Athleten legten einen Eid auf Zeus ab, bei dem sie unter anderem schworen, die Kampfregeln einzuhalten. Wer dann doch foulte, durfte unter Umständen aus eigener Tasche eine Bronzestatue des Zeus in Auftrag geben, die dann am Eingang zum Stadion aufgestellt wurde. Eine hübsche Idee, heute sieht man noch die Sockel dieser Statuen, manchmal noch mit einzelnem Fuß darauf. Der Großteil der Bronze wurde in den vergangenen Jahrtausenden fröhlich recycelt.



Die Wettkämpfe selbst bestanden dann zumeist in Disziplinen, die im kriegerischen Griechenland ein sinnvolles Training sowohl für Athleten als auch für Soldaten darstellte.

Es gab Laufwettkämpfe, Weitsprung, Speer- und Diskuswurf, Ringen, Boxen und Pankration (dazu später mehr), Pferderennen und zuletzt den Waffenlauf, bei dem die Athleten in voller Rüstung und mit Bronzeschild gegeneinander antraten.



Die Laufstrecke im Stadion war zwischen den Rillen auf den in den Boden eingelassenen Start- und Zielschwellen gemessen 192,28 m lang, man legte einen Hochstart hin und streckte dabei beide Arme von sich in Laufrichtung. Lutz und ich stellten das natürlich bei unserem Besuch im olympischen Stadion direkt nach und ich finde, dass sich die Haltung etwas undynamisch anfühlt. Beim eigentlichen Laufen im antiken Stadion wähnt man sich dann allerdings recht heldenhaft, zudem waren wir beiden mal wieder ganz alleine dort und konnten stundenlang Faxen machen, bis eine Aufsicht uns darauf hinwies, dass die Anlage nun für den Tag geschlossen würde. Schade.


Lutz demonstriert die korrekte Starttechnik.
Vom Eingang des Stadions auf die Rennbahn.

Die anderen antiken Sportarten wollten wir lieber nicht nachstellen. Vor allem Pankration, ein antikes Mixed Martial Arts fast ohne Regelwerk, erschien uns eher wenig ansprechend. Hier war eigentlich alles erlaubt, was dem Gegner ordentlich wehtat, außer Beißen und Augen eindrücken. In Sparta war übrigens sogar das erlaubt, man kann sich also insgesamt gut vorstellen, dass am Ende eines Kampfes zumindest der Unterlegene momentan oder dauerhaft kampfunfähig war, manchmal auch tot. Reiseblogger Pausanias berichtet sogar von einem im Kampf verblichenen Athleten, der nachträglich den Sieg zugestanden bekam, weil sein Gegner, während er ihn gerade würgenderweise von den Lebenden zu den Toten beförderte, den Kampf aufgab, weil unser gewürgter Athlet ihm parallel noch ein Zeh ausgerenkt hatte. Man habe dann den Leichnam mit dem Ölzweig des Siegers bekränzt. Herzlichen Glückwunsch meinerseits.


Etwas friedlichere Geister haben wohl auch einmal ein Maultier-Wagenrennen und einen

Wettstreit der Herolde und Trompeter eingeführt – beide Disziplinen wurden aber nach nur einer Saison wieder abgeschafft. Vermutlich waren sie zu unblutig.

Stattdessen wurden die Knabenwettkämpfe (für Jungs im Alter von ca. 12-18) fortlaufend um kontaktbetontere Disziplinen erweitert. Zum Laufen, Ringen und dem Faustkampf kam in 200 v. Chr. sogar noch Pankration für Knaben hinzu.


Um in Olympia selbst noch einmal kurz vor den Wettkämpfen zu trainieren, gingen die Athleten ins Gymnasion – denn im Training und bei den Kämpfen war man gymnos = nackt. Nun liest man zu Frauen im Stadion verschiedenes. Manchmal nämlich, dass keinerlei Frauen bei den Wettbewerben anwesend sein durften wegen der nackten Athleten. Dann liest man anderswo, dass nur verheiratete Frauen ausgeschlossen gewesen seien, unverheiratete Mädchen aber zuschauen durften – was aus meiner Sicht wenig sinnvoll erscheint. Denn zum einen kennt sich die verheiratete Frau mit dem Gegenstand des möglichen Anstoßes ja bereits gut aus und hätte vielleicht auch eine Freude am Anblick der jungen Sportler, zum anderen könnte bei den jungen Mädchen bei dieser angenehmen Aussicht ja eine unrealistische Erwartungshaltung an die Physis ihres zukünftigen Ehemannes entstehen. Quasi ein Instagram-Effekt der Antike.


Apropos Mädchen: Frauenspiele gab es übrigens auch, was mir bislang nicht bekannt war. Da möchte man ja fast meinen, die Geschichtsschreibung hätte zu den Frauenspielen ein ähnliches Verhältnis kultiviert wie einige Sportreporter heute zum Fußball der Frauen. Oder einfach jeglicher von Frauen ausgeübter Sportart (hier zum Nachlesen eine interessante Studie aus Österreich Die Studie » exploristas).

Jedenfalls wurden diese Spiele zu Ehren von Zeus´ Gattin Hera ausgetragen und die jungen Sportlerinnen veranstalteten Laufwettkämpfe im Stadion. Übrigens nicht nackt, sondern in einen Chiton gehüllt, ein Kleidungsstück das normalerweise Männer bei körperlicher Arbeit trugen, und das eine Schulter und damit auch immerhin eine Brust freiließ und kurz über den Knien endete. Die Siegerinnen durften eine Statue von sich selbst im Heratempel aufstellen lassen - nicht schlecht.


Vor eben jenem Heratempel wird übrigens regelmäßig das olympische Feuer für die Spiele der Neuzeit entzündet. Diverse als Priesterinnen verkleidete Damen hantieren hierzu vor historischer Kulisse mit einem Parabolspiegel und Gasfackeln. Das sieht hübsch aus, aber mit antiken Traditionen hat das ganze nur wenig zu tun, denn in der Antike gab es keinen olympischen Fackellauf.


Die Recherche ergibt, dass der erste Fackellauf der Neuzeit 1933 zur Nazi-Olympiade in Berlin veranstaltet wurde, Leni Riefenstahl setzte ihn eindrucksvoll in Szene. Überhaupt ist bei diesem modernen Fackellauf der Wurm drin. Offizielle Sponsoren des Fackellaufs sind zum Beispiel Samsung und Coca Cola und der Fackellauf für die Sommerspiele in Peking 2008 wurde von der chinesischen Regierung durch Tibet hindurch geplant. Wegen der vielen Proteste kam es dann zu unzähligen Verhaftungen weltweit und die Fackel wurde teilweise unter militärischer Absicherung transportiert. Sponsor beim Lauf durch Tibet war übrigens Audi, dieses Sponsoring war anscheinend selbst Coca Cola zu schmutzig. Im Winter 2022 wurde die Fackel dann einfach direkt von Athen nach Peking geflogen.


Das ist nun wirklich alles nicht sehr schön, also lieber wieder zurück in die Antike. Abgesehen von den olympischen Spielen gab es damals übrigens auch noch Spiele in Athen, in Delphi, in Nemea und Argos, in Korinth – ja also eigentlich gab es immer irgendwo irgendwelche Spiele, und man fragt sich ehrlich, wie sich die Griechen die ganze Zeit so übel bekriegen konnten, wenn doch bei den Spielen stets eine Waffenruhe für alle Stadtstaaten galt.


Für einen friedlichen Ausklang dieses Artikels sei noch erwähnt, dass nicht alle antiken Spiele in körperbetonten Gewaltorgien ausarten musste. So trat man zum Beispiel in Delphi zu einem Wettbewerb in Theater, Gesang und Flötenspiel an. Und nur in Delphi erhielt der Sieger einen Lorbeerkranz – in Olympia wurde nämlich mit Olivenzweigen bekränzt.



Lutz erhielt für seinen Sieg im Stadion allerdings einen Kranz aus Gänseblümchen, denn die waren gerade zur Hand. Außerdem vermute ich, dass er sich durch den verfrühten Start einen Vorteil verschafft hatte, es waren allerdings keine Kampfrichter zur Beurteilung zugegen. Die Nebensaison wieder – sein Glück.



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