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  • Sophie

Türkisch schön

Nach fünf Monaten Reise, davon allein vier Monaten in Griechenland, brannte es uns langsam unter den Nägeln, wieder etwas Neues zu sehen.


Ankunft in Kos bei Morgengrauen

Keine Lust auf Kos


Die Nacht auf der Fähre von Santorin nach Kos war sehr kurz gewesen. Um ein Uhr morgens waren wir losgefahren, um halb 6 spuckte uns der Riese wenig erholt in der Morgendämmerung wieder aus. Kos Stadt schlief noch tief und fest, etwas benommen tappten wir am Hafen entlang, wo noch nicht ein Café und auch keine Bäckerei geöffnet hatte.


Sollten wir nun hier bleiben, sollten wir Kos erkunden und kennenlernen? Nein, nach vier Monaten in Griechenland wollten wir weiter, ein neues Land erkunden, die Türkei. Das erste Land auf dieser Reise, in dem weder noch Lutz noch ich zuvor schon einmal gewesen waren.


Die Fähre von Kos nach Bodrum zu finden war eine Schnitzeljagd, denn es gab keine Schilder im Hafen, keine Information, auf Google nur eine Markierung, wo der Fahrkartenschalter zu finden sein könnte. So früh am Morgen war alles geschlossen, nur auf einem größeren Boot regten sich ein paar Menschen. Wir fragten, ob sie wüssten, wo die Fähre nach Bodrum fahren würde. Sie sagten, sie seien die Fähre nach Bodrum. Dann legten sie ab, ohne irgendjemand mitgenommen zu haben.


Zäh verfolgten wir das Schiff entlang der Küste und gelangten tatsächlich in einen eingezäunten Bereich mit einem unauffälligen Fahrkartenschalter und einer Wartezone. Eine Handvoll Griechen und wenige Touristen hatten wohl ebenfalls einen Geheimtipp erhalten und waren dort. Wir durften nun auf das Schiff und nur etwa vier Stunden nachdem wir in Kos angekommen waren, verließen wir die Insel auch schon wieder.


Die Überfahrt dauerte nur eine Stunde, denn Kos ist von der türkischen Küste gerade einmal 40km entfernt. In der Ankunftsschlange des kleinen Fährhafens von Bodrum waren wir richtig aufgeregt, verließen wir doch erstmals die EU nach der Corona-Zeit. Welche Dokumente und Nachweise würde man wohl sehen wollen? Wir hatten auf Kos keinen Corona-Test mehr machen können – würde das ein Problem werden? Am Ende der Schlange stellte sich heraus: der Personalausweis reichte aus, man interessierte sich ansonsten weder für Impfnachweise noch für Testergebnisse oder sonst irgendetwas. Wir waren in der Türkei und durften nun 90 Tage bleiben.


Bodrum


Es war Mittag, es wurde langsam heiß, wir waren todmüde von der kurzen Nacht und dem Hin- und Her mit der Fähre. Mit unseren schweren Rucksäcken liefen wir zum ersten Mal durch die Straßen von Bodrum, wo mir als erstes auffiel, dass man die Schilder endlich wieder leichter lesen konnte, denn wir hatten das griechische Alphabet hinter uns gelassen. Verstehen konnte man von den Wörtern auf den Schildern aber absolut nichts. Unsere europäischen SIM-Karten waren uns nun auch keine Hilfe mehr, aber Lutz lotste uns erfolgreich zum Hotel, wo wir erst einmal erschöpft ins Bett fielen. Die Türkei musste noch einen Tag darauf warten, von uns erkundet zu werden. Erst einmal ausruhen.





Das antike Halikarnassos


Bodrum sitzt heute auf mindestens 3500 Jahren Geschichte. Das ganze geht mit Grabfunden aus der mykenischen Zeit los, in der Nähe existierten mehrere karische Siedlungen. Ich lerne eine neue Kultur kennen, die der Karer, ursprüngliche Bewohner dieser Gegend, die ihren Ursprung wiederum vermutlich bei den Hethitern hatten – hier wird es geschichtlich wieder spannend. Endlich mal was Neues nach all den alten Griechen und alten Römern.


Aber die alten Griechen waren natürlich auch hier, Halikarnassos hieß Bodrum damals, die Verbindung mit Griechenland, bzw. dem dorischen Seebund brach aber aufgrund einer Streitigkeit ab. Ein Einwohner von Halikarnassos, der bei den triopischen Spielen einen Preis, nämlich einen bronzenen Dreifuß, gewonnen hatte, nahm ihn anschließend einfach mit nach Hause. Ein Unding, denn er hätte das Teil im Apollo-Tempel vor Ort als Opfergabe lassen müssen. Wollte man sich hier nur die wertvolle Bronze sichern? Wie dem auch sei, die anderen Städte des Bundes schlossen Halikarnassos nach diesem Affront gegen die Gottheit aus.


Man unterstützte dann eben die Perser, zum Beispiel bei der Schlacht von Salamis. Die damalige Königin von Halikarnassos, Artemisia, die erste ihres Namens, war offensichtlich auch eine kluge Strategin, die dem persischen König Xerxes als einzige Kommandantin seiner Armee von einer Seeschlacht abriet. Gut, die Schlacht wurde dann trotzdem geschlagen, die Perser verloren dabei den Großteil ihrer Flotte und rückten anschließend den sehr erleichterten griechischen Stadtstaaten nicht mehr zu Leibe, so dass diese sich wieder untereinander zerfleischen konnten.


Artemisia entkam aus der griechischen Zange in der Bucht von Salamis angeblich indem sie auf der Flucht ein persisches Schiff rammte und danach nicht mehr von den Griechen verfolgt wurde. Xerxes soll das Ganze aus weiter Entfernung beobachtet und geglaubt haben, sie hätte gerade ein feindliches Schiff versenkt. Jedenfalls bezeichnete er sie später als seine beste Admiralin und ließ sich gerne weiter von ihr beraten.


Später gab es dann eine Namensvetterin, Artemisia II., die zusammen mit ihrem Bruder (und Ehemann) Mausolos 24 Jahre über Halikarnassos herrschte. Als er starb, wurde ein Monument errichtet, das eines der sieben antiken Weltwunder werden sollte, und das wir zumindest von seinem Namen her alle kennen: das Mausoleum. Seit diesem Monumentalbau nennt man schließlich jedes etwas überdimensionierte Grabmal nun Mausoleum, auch wenn gar kein Mausolos drinnen liegt.


Vom antiken Theater, das sich bis heute erhalten hat, muss man damals einen ansprechenden Blick auf das Mausoleum gehabt haben, dahinter auf den Burgberg und das Meer, in der Ferne an klaren Tagen auf Kos. Heute ist das freilich anders. Von den sieben antiken Weltwunder steht schließlich nur noch eines, nämlich die Pyramiden von Gizeh.


Blick vom antiken Theater auf den Hafen von Bodrum

Das Mausoleum hatte anfänglich einen recht guten Lauf, 350 v. Chr. vollendet stand es relativ unbehelligt mehr als 1000 Jahre. Doch zwischen der letzten Erwähnung als großes Wunder um 1200 und dem Jahr 1402 müssen ein oder mehrere Erdbeben die Struktur ruiniert haben. Jedenfalls waren die netten Herren vom Johanniterorden ausgesprochen erfreut über diesen allzu perfekten Steinbruch, als sie 1402 in Halikarnassos anlandeten, um hier eine weitere Befestigung gegen das Vorrücken der Osmanen im Mittelmeerraum zu errichten.


Wie das Mausoleum einmal aussah und was davon heute noch übrig ist


Man verbaute also fröhlich die großen Steine und Säulen des Mausoleums und verbrannte die Marmordekoration zu Kalk, um die Festung St. Peter zu errichten. Fertig wurde man nicht mehr so richtig, denn ständig wurden die Mauern verstärkt, um die Angriffe der Osmanen abzuhalten, 1522 waren schon keine Steine mehr übrig am Mausoleum, doch Süleyman der Prächtige nahm die Festung 1523 ein und baute direkt eine hübsche kleine Moschee in der Mitte des christlichen Bollwerks.


Die Burg St. Peter, aus den Steinen des Mausoleums erbaut (man beachte die Säulentrommeln in den Türmen)


Damit war es dann endgültig vorbei mit den Johannitern in Bodrum, sie zogen weiter nach Malta und sind seitdem als Malteser Orden bekannt. Ein Überbleibsel aus der Johanniterzeit hat sich allerdings gehalten. Die Ordensleute hatten die Festung "Burg des hl. Petrus" genannt, bzw. latinisiert Petronium. Daraus entwickelte sich der Name der heutigen Stadt, nur eben etwas eingetürkt: Bodrum.


Schätze unter und über Wasser


Die Festung St. Peter ist, man kann es nicht anders sagen, vollgestopft mit Schätzen aus vielen Jahrtausenden, Schätze die unter und über Wasser gefunden wurden. Hier stehen die Überbleibsel des antiken Halikarnassos, Stelen, Grabsteine, Opferaltäre und Statuen, dekorativ in der Gegend herum, man läuft durch die Festungsbauten und vielen Türme, die die Johanniter hinterlassen haben, dazwischen dann die Moschee und das Haman aus der osmanischen Nutzungszeit.


Und außerdem: das wirklich außerordentlich beeindruckende Museum für Unterwasserarchäologie. Offensichtlich ist die türkische Ägäisküste mit ihren unzähligen Buchten und Inselchen eine hochgefährliche Gegend für Schiffe, zur Freude der Unterwasser-Archäologen, denn man hat hier sehr viele Wracks aus allen möglichen Zeiten gefunden und unter extremem Aufwand Schiffe und Ladung geborgen. All diese Schätze sind heute im wunderbaren historischen Ambiente der alten Festung ausgestellt, darunter auch das berühmte Wrack der Uluburun aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. mit seiner reichen Ladung von Kupfer, feinsten Glaswaren, Elfenbein, Schmuck und Luxusartikeln, die in über 22000 Tauchgängen geborgen wurden.


Ein Haufen Schätze aus alten Zeiten. Mein Favorit: ein paar bronzene Augen, die vermutlich die letzten Überreste einer Athene-Statue sind.


Ein Tag reichte mir jedenfalls nicht aus, um alle Schätze gebührend zu bewundern, ich besuchte die Festung zweimal und genoss die wunderbar ruhige Atmosphäre dieses entrückten historischen Garten- und Turmlabyrinths inmitten der ziemlich wuseligen modernen Stadt Bodrum.


Bodrum heute



Ist Bodrum das türkische St. Tropez? Man wäre es wahrscheinlich ganz gerne, und stellt hier Yacht neben Yacht in den Hafen, baut Villa neben Villa in die Hügel der Stadt. Es kann ein recht teures Pflaster sein, aber wir haben am Anfang noch gar kein Gefühl für türkische Preise oder auch nur die hiesigen Banknoten. Prompt werden wir in der Innenstadt übers Ohr gehauen, weil man uns einen falschen Eurokurs im Restaurant berechnet, der den Wirt sehr glücklich macht. Und wir sind noch zu müde und überfordert, um es rechtzeitig zu begreifen. Außerdem müssen wir schnell lernen, dass Preise, die nirgends angeschrieben stehen, immer VOR dem Kauf erfragt werden müssen. Hat man dem Erwerb bereits zugestimmt (im schlimmsten Fall zum Beispiel schon etwas gegessen oder getrunken, oder, wie einmal auf dem Markt, Stückchen Lokum in einer Box zusammenstellen lassen), dann ist man den Fantasiepreisen gegenüber machtlos. Lehrgeld für uns, eine Freude für die Händler.



Aber sobald man die touristischen Zonen verlässt, und sich in den Nebenstraßen herumtreibt, zwischen unfassbar übergewichtigen Hunden, die den ganzen Tag nur auf Bürgersteigen und Straßen im Dämmerschlaf verbringen, dort in die normalen Geschäfte und einfachen Lokale und Imbisse geht, dann kann man beispielsweise für 5-10 Euro zu zweit fürstlich speisen. Und hier will einen niemand aufs Kreuz legen, weil man ein Tourist ist, ganz im Gegenteil, die Leute sind wahnsinnig freundlich, ja, herzlich und freuen sich, dass man Lust hat, sich durch ihre Vitrinen voller Leckereien durchzuprobieren.


Türkisch schön


Wenn wir beide etwas lieben, dann sind es ausgedehnte Wanderungen in herrlicher Natur- und Kulturlandschaft und anschließend die ruhige Einkehr in traditionellen Lokalitäten kleiner ursprünglicher Dörfer, wo ein runzliger Hirte und seine liebenswerte Frau uns wohlschmeckende Hausmannskost in tönernen Schalen servieren, bevor sie Socken stopfen, Löffel schnitzen, die Schafe melken gehen, oder was alte runzlige Hirten so tun. In Bodrum wird unser gediegenes Wanderidyll einer Realitätsprüfung unterzogen und wir lernen schnell, dass wir etwas umdenken müssen.


Wo wir wandern möchten, gibt es zumeist keine Wanderwege, wir laufen dann auf staubigen Straßen oder im schlimmsten Fall (dank Komoot) mal wieder durch landwirtschaftliche Grundstücke hindurch, wo wir von den Wachhunden angefallen werden. Da ist es gut, zu zweit zu sein. Und ein Stock kann auch nicht schaden. Lutz sagt immer, diese Hunde seien alle Feiglinge, sie bellen und knurren einen zwar an, aber wenn man einen Schritt auf sie zugeht, weichen sie zurück. Ich frage mich aber oft, ob wir nicht eines Tages mal einem Hund begegnen, der zufällig kein Feigling ist.


Einmal wollen wir auf einer Landzunge in eine schöne Badebucht wandern. Die Landzunge stellt sich dann als gänzlich weglos heraus, wir stolpern eine Weile durch vertrocknete Büsche, Sträucher und Misthaufen unterschiedlicher Größe und entscheiden uns dann zur Umkehr. Statt quer durch die Pampa hangeln wir uns dann an der Küste entlang, wo es zwar einen Weg gibt, aber die Buchten, die wir erreichen, stellen sich als halbe Müllhalden heraus. Immerhin treffen wir die Erzeuger der Misthaufen: auf der Landzunge werden Kühe gehalten, die uns im Küstendickicht überraschen.


Baden am Müllstrand

Laufen im Weglosen

Egal, wir machen das Beste daraus

Die Stadtstrände Bodrums sind Hotel- und Barmeilen, jeder Zentimeter Strand mit Liegen, Tischen, Hockern zugestellt. Auf Nachfrage empfiehlt man uns den nahe gelegenen Ort Gümüşlük. Der Name gefällt uns schon mal sehr gut, ohnehin haben die vielen „ü“ und „ö“ der türkischen Sprache etwas heimeliges. Gümüş bedeutet Silber, wunderschön soll der Ort sein und historisch auch noch, einen Sandstrand habe er auch - also nichts wie hin.



Wir bewegen uns hier mit einem für uns neuen Verkehrsmittel, dem Dolmuş, einem Kleinbus mit ca. 12 Sitzen. Dolmuş sind im Stadtbild quasi omnipräsent und fahren Ziele in kurzer Distanz in und um Bodrum an. Wir nehmen also das Dolmuş nach Gümüşlük und dürfen bald diesen ach so schönen Ort bestaunen: Restaurants, Tourishops und Bars, eines neben dem anderen, ziehen sich durch die komplette Bucht. Kein Fitzelchen Strand bleibt unbestuhlt, kein Zentimeter Weg unbeworben von Restaurantinhabern oder Andenkenverkäufern. Unsere kitschige Vorstellung eines beschaulichen Fischerdörfchens fällt in sich zusammen.


So schön ist der Strand von Gümuslük
Zunächst denken wir, dem entkommen zu können...
...doch hier endet der Küstenweg.

Nach dem Versuch einer Wanderung an der Küste entlang, die an einigen mit niedergetretenem Maschendrahtzaun umringten antiken Hausruinen endet, geben wir vollends auf, essen noch Dürüm und Köfte in einem einfachen Kiosk und machen uns desillusioniert auf den Rückweg nach Bodrum. Türkisch schön ist einfach nicht unser schön.


Sophie liegt flach


Lutz meinte, es seien meine Köfte oder der dazugehörige Salat gewesen, jedenfalls fühle ich mich am Tag nach dem Ausflug ganz scheußlich. Während der Fastenmonat Ramadan endete und die Türken um uns herum mit ihren Familien feierten und aßen, verordnete ich mir zu fasten. Ohnehin, wenn ich etwas zu mir nahm, behielt ich es nicht lange bei mir.


Das Ganze traf sich nicht gut, denn eigentlich hatten wir beide schon Pläne für die Weiterreise geschmiedet, Lutz mit dem Schiff nach Südosten, ich mit dem Bus nach Norden. Getrennt? Ganz genau, wir wollten nun eine Woche jeder für sich unterwegs sein. Lutz wünschte sich Zeit für seine eigenen Projekte, die er seit einer Weile online gestartet hatte, wollte sich ordentlich darin vertiefen und dabei stationär an einem Ort bleiben. Ich wollte ein weiteres antikes Weltwunder besuchen und dann mal sehen, wohin mich die Reise als nächstes führen würde.


Als ich dann allerdings anfing zu fiebern, ließ Lutz die bereits gezahlte Fährfahrt und Hotelbuchung verfallen, blieb bei mir und versorgte mich liebevoll mit Cola und Salzstangen. Nach zwei Tagen Siechtum war ich dann wieder fit genug mit dem Rucksack auf wackeligen Beinen loszuziehen. Und so verabschiedeten wir uns für eine Solo-Reisewoche.

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