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  • Sophie

Was treibt eigentlich der Tourist?

Wenn man in Rom ist, dann besucht man das Kolosseum. Nein, natürlich nicht, um sich das größte und herrlichste antike Amphitheater der Welt anzuschauen oder etwas über seine Geschichte zu lernen. Man geht hinein, um sich am Scheitelpunkt des Ovals seiner Winterjacke zu entledigen und dann hat man entweder einen Partner/Assistenten, der das gute Stück entgegennimmt und zur Kamera greift oder man ist sein eigener Fotograf und packt den Selfie-Stick aus, denn dazu ist man schließlich hier: man braucht dieses Bild mit den Sitzreihen und der Arena im Hintergrund für Facebook, Instagram, TikTok oder wasnichtnoch.


Man kann auch ein Selfie mit einem echten Gladiator machen, vor der Kulisse der Bögen des Kolosseums. Kostet gut was Extra, aber ist natürlich eine ganz feine Sache. Schon von Weitem sieht man die Herren Gladiatoren rund um die Arena herumlungern. Und je näher man ihnen kommt, desto mehr zerfließt das innere Bild, das man sich von den strammen Streitern gemacht hat. Stück für Stück nimmt man sie wahr: die Plastikhelme und -schwerter, die Schmerbäuche und zusammengesackte Körperhaltung, die unrasierten Gesichter, die blutunterlaufenen Augen.

Unsere Gladiatoren sind höchstwahrscheinlich aus dem Nahen Osten, die letzte Besoldung und das letzte Training scheinen eine gute Weile her zu sein, das letzte Besäufnis lag dafür wohl in der jüngsten Vergangenheit. Dann doch lieber nur alleine aufs Foto, ist ästhetischer.


Auf der Spanischen Treppe hatten Lutz und ich sicher eine halbe Stunde das größte Vergnügen dabei, zwei Frauenpaaren bei der Fotosession zuzuschauen. Das war Ästhetik pur. Die Outfits waren allesamt großartig und ziemlich bauchfrei, eines auch noch ganz erstaunlich pink vom rosa Oversized Blazer mit Schulterpolster über korallenfarbige Culottes bis zum pinken Pump. Immerhin durften die barocke Treppe, der altägyptische Obelisk und die Dreifaltigkeitskirche dahinter als pittoreske Kulisse zumindest in Ausschnitten noch mit aufs Bild.




Und was macht man so als Paar bei Sonnenuntergang? Klar, Bötchen fahren im Villa Borghese Park.


Ja, wie kann man sie beschreiben, diese kaum zu überbietende Romantik, wenn man im Abendrot mit der Liebsten im Ruderboot auf einem knietiefen Ententümpel um einen historisierenden Fake-Tempel herum kreist, das ganze zusammen mit etlichen anderen sicher ebenso romantisch gestimmten Paaren. Es ergibt sich natürlich eine gewisse Drängelei, denn nur ein Boot kann direkt auf der vorteilhaften Foto-Sichtachse vor dem Tempelchen im Wasser liegen. Zudem wird man von haufenweise Enten und Möwen arg bedrängt, der Tümpel ist eng, überall sind die anderen Bötchen und wie ging das mit dem Rudern gleich wieder? Oft wird sich dann entschieden, doch besser vorwärts zu rudern. Immerhin sieht man endlich mal, wo man hinfährt, was dann aber auch dazu führt, dass man das Boot noch weniger unter Kontrolle hat. Dafür kommt man dann aber so langsam von der Stelle, dass das kaum auffällt. Und man hat mehr Zeit für die Liebe. Ach ich vergaß, für Fotos natürlich. Dafür ist man schließlich hier.



Und wir, was machen wir?


So dies und das.

Für unser leibliches Wohl sorgen.

Nicht mit dem Fahrrad fahren. Lieber auf die U-Bahn warten, oder den Zug. Oder das Wurmloch?

Arbeiten und bloggen, klar.

Housekeeping

Facilities testen.

Und natürlich weiterhin große Kultur genießen.


Außerdem würden wir auch nur zu gerne posieren und unsere Outfits planen für ausgedehnte Antiken-Shootings, klar. Aber tatsächlich haben wir aktuell vornehmlich eine Aufgabe, eine Mission, ein einziges Ziel, dem wir alles andere unterordnen:


Wir brauchen die Booster-Impfung.


Wie (und ob) das in Italien geht, darüber mehr im nächsten Beitrag. Bis dahin drückt uns die Daumen!


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